Kreuzberger Hausbesitzer kämpft erfolgreich gegen Gentrifizierung

Aus der Anti-Gentrifizierungs-Trickkiste

Aus der Anti-Gentrifizierungs-Trickkiste

Dem Kreuzberger Schreckgespenst Gentrifizierung setzen schlaue Köpfe seit neuestem das Konzept der „Abwertung“ entgegen. Investoren und Yuppies kann man mit Hilfe von Lidl-Tüten, Sateliten-Schüsseln aus Pappe und dauerpräsenter Wäsche die Lust auf eine Kiezwohnung austreiben. Das hält die Mieten, die Mieterstrukturen und damit auch das Kiezflair stabil. Und mal ehrlich, nur wegen dieses speziellen Flairs interessiert ihr Yuppies euch doch überhaupt für eine Wohnung in der Gegend! Tipps und Tricks zur Abwertung sind zusammengefasst im so genannten Abwertungs-Kit. Wer es genau wissen möchte, sehe sich diesen lehrreichen Film an.

Aber das nur am Rande. Neuerdings erfasst der Trend der Abwertung auch vereinzelte Hausbesitzer. Zu ihren Motive, sich der Wertsteigerung ihrer Immobilien so vehement entgegenzustemmen, äußern sie sich nicht. Ja, sie geben sogar vor, durchaus an Modernisierung, Sanierung und Mietsteigerung interessiert zu sein.  So gewieft!

Sie zu studieren heißt von den Besten zu lernen. Schauen wir uns ein Beispielobjekt näher an. Die ganze Urbanstraße ist ein derzeit noch relativ gentrifizierungsresistentes Gebiet. Dort gibt es ein Haus an der Ecke Baerwaldstraße. Eigentlich ein wunderschönes Haus um 1900 gebaut, mit Erkern und Türmchen, Balkonen und Loggias. Der ursprüngliche Besitzer, ein Immobilienfonds, ging trotz stetig strömender Mieten auf Mietspiegelniveau vor einigen Jahren pleite. Parallel fielen die ersten Putzbrocken aus der Fassade. Während der Zwangsverwaltung wurde nur Unvermeidliches repariert wie eine undichte Außenwand, durch die zum Verdruss des betroffenen Mieters Regenwasser eindrang. Der Fassadenputz durfte weiter bröckeln.

Danach folgte die Zwangsversteigerung und eine Berliner GbR riss sich das Haus günstig unter den Nagel. Zunächst erkannte der Gesellschafter, nennen wir ihn Herrn Kowalski, die Zeichen der Zeit noch nicht und versprach umfangreiche Sanierungsmaßnahmen. Darunter eine neue Fassade. Die Mieter bekamen eine Benachrichtigung und räumten schon mal die Balkone. Allein – inzwischen hatte der frisch gebackene Hausbesitzer sich offensichtlich eines Besseren belehren lassen – es passierte nichts.

Verwirrt bezogen die Mieter nach einigen Monaten wieder ihre Balkone. Das böse Wort „Gentrifizierung“ war damals noch nicht zu ihnen durchgedrungen. In ihrer Naivität bestürmten sie die ebenfalls Herrn Kowalski gehörende zuständige Hausverwaltung SEMA, doch endlich die angekündigten Sanierungsarbeiten durchzuführen sowie den zuvor wöchentlich putzenden und fegenden Hauswart mal wieder vorbeizuschicken. So dumm waren sie…

Zum Glück reagierte die Hausverwaltung besonnen und schickte einen neuen Hauswart, der nur noch unregelmäßig vorbeischaute und auch umsichtigerweise weder Dreck allzu sorgfältig beseitigte noch ausgefallene Glühbirnen wechselte. Schlau!

Ein neues Gewerbe zog im Erdgeschoss ein. Dieses Gewerbe produzierte ordentlich Gewerbemüll und verstopfte damit zuverlässig die Mülltonnen des Hauses. Fortan sah der Innenhof aus wie eine Müllhalde. Auch hier nahm die Hausverwaltung zwar geduldig die Beschwerden der ignoranten Mieter entgegen, versuchte aber natürlich nicht die durch den Gewerbemüll erzielten Erfolge zu schmälern. Die älteren Mieter, eine uneinsichtige Generation, fingen an Müll aufzusammeln, zu sortieren und mit ganzem Einsatz doch noch in die vollen Tonnen zu pressen, auf dass es im Innenhof wieder ordentlich aussehe. Unbelehrbar…

Inzwischen ging den zweiten Winter in Folge das Öl aus. Die Mieter mussten sich ihr Heizöl selbst bestellen und konnten Wohnungsinteressierten berichten, dass sie auch Monate danach noch Mahnungen für die von der Miete abgezogenen Kosten für das Öl bekamen. Das wirkt! Auch die abenteuerliche Elektrik, die zum frühzeitigen Ableben vieler Elektrogeräte führte sowie die dauerdefekte Haustür, die undichten Fenster, die an der Außenseite schon klimafreundliches Moos ansetzten vervollständigten das Bild professioneller Abwertung. Gut so!

Um den Effekt zu testen, steht das Haus seit Jahren zum Verkauf. Dank der erfolgreichen Bemühungen des Hausbesitzers können sich die Mieter aber weiter an ihrem kleinen Kreuzberger Idyll erfreuen und dies sogar, ganz gegen den Trend, bei sinkenden Mieten:

Zwei Prozent weniger für einen vermüllten Innenhof, sieben Prozent Abzug für mangelhafte Warmwasserversorgung, drei Prozent minus für die defekte Haustür und vieles, vieles mehr…

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