Virtuos am Löffel

Noch gestern war Winter. Die Menschen schlichen missmutig und über den langen Winter jammernd in dicken Jacken, Schals und Mützen durch die grauen Straßen. Heute ist plötzlich Frühling. 13 Grad. Die Menschen tragen Schuhe mit Design-gewollten Aussparungen – an Sandalen trauen sie sich noch nicht ganz heran. Sie lassen sich aus der Frühlingslaune heraus kurze Frisuren schneiden, damit sie später, wenn es wirklich Ernst wird mit dem Sommer, im Nacken nicht so schwitzen. Und alle, wirklich alle, sitzen auf einmal draußen. Wie von Zauberhand sind die Bürgersteige möbliert und die Cafébetreiber blicken zufrieden auf ihre dick gefüllten Portemonnaies.

Die Menschen sind fröhlich und lachen. Sie lachen über mich. Denn ich bin die einzige, die noch Winterjacke trägt. Ich weiß genau, dass letzten Herbst der allgemeine Konsens vorherrschte, dass bei 13 Grad Winterjacken zu tragen sind. Aber lacht nur! Unter der Winterjacke fließt der Schweiß – heimlich.

Auch am heimischen Abendbrottisch gibt es heute ein neues Gesprächsthema. Zuvor ging es um die Virtuosität am Löffel. Sowohl Mann als auch Sohn haben Haltungsdefizite. Dem Mann musste ich die richtige Löffelhaltung sogar mithilfe einer Internet-Benimm-Seite nachweisen. Ich glaube, er sucht immer noch heimlich nach anderen Seiten, die seine Löffelhaltungstheorie unterstützen. Der Sohn ist glücklicherweise in einem Alter, in dem das mütterliche Wort für Wahrheit und Gesetz steht. Meistens jedenfalls.

Jedenfalls weg mit den Löffeln! Schluss mit nahrhaften Wintereintöpfen und wärmenden Suppen – jetzt gibt es Sommersalate, mit Haloumi und Gemüse gefüllte Pitabrote, Antipasti und Peccorino al forno.

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