Anamnese ist die neue Beichte

Hier finden zukünftig Erstanamnesen statt: katholischer Beichtstuhl

„Wie kann man nur?“, sage ich. Die Heilpraktikerin sieht mich prüfend an. Eines von diesen Augenduellen, bei dem es darum geht, wer zuerst die Nerven verliert und etwas sagt. Die meisten gewinne ich, stelle ich zufrieden fest. Dies sei ein Schlüsselsatz, findet sie schließlich, nachdem ich nichts weiter dazu sage. Er klinge sehr hart und auswegslos und ich hätte ihn über mich gesagt, erklärt sie. Über wen und was ich diesen Satz noch sagen würde, will sie wissen. Ich denke nach. Als erstes fallen mir dicke Mädchen mit bauchfreien Oberteilen ein, bei denen sich, speziell zur Schau gestellt, die Taille nach außen wölbt. Am besten futtern sie gerade eine Tüte Chips, während sie ihren Bauchspeck sacht wabbernd durch Berlin tragen.

Ich sage es mit schlechtem Gewissen. Die Heilpraktikerin hat auch keine Modelmaße, trägt aber immerhin nichts Bauchfreies. Was denkt sie jetzt wohl von mir, überlege ich. Andererseits ist es ihr Job, sich distanzieren zu können. Aber gleich anfangs hatte ich mich bei ihr über die Schleckerverkäuferinnen an der Ecke beschwert, die mich zum EC-Automaten fünf Straßen weiter geschickt haben, obwohl im Zeitungsladen gegenüber einer steht. „Wie kann man nur seine Umgebung so wenig kennen!“ stelle ich wieder erbost fest. Und das hatte die Heilpraktikerin schon auf sich bezogen. Zumindest hat sie nachgefragt. Ich hoffe, ich konnte sie beruhigen.

Der Rest ist wunderbar. Andere gönnen sich einen Tag im Liquidrom oder bei der Kosmetikerin, ich gehe lieber zur Anamnese. Zwei Stunden darf ich dort einem höchst interessierten Menschen von mir berichten. Das beste daran ist, dieser Mensch kennt mich nicht und kennt auch weder meine Freunde noch meine Arbeitskollegen und kann diesen nichts weitererzählen. Außerdem versucht er verzweifelt eine Diagnose zu stellen und ist deshalb am allerkleinsten Detail meines Lebens interessiert. So interessiert ist sonst niemand an meinen Befindlichkeiten! Dazu kommt noch, dass ich Kunde eines Freiberuflers bin, der in Zeiten der Krise um jeden Kunden kämpfen muss. Er will mich also. Er findet mich gut. Er findet, dass etwas Tolles, Starkes aus mir geworden ist, trotz all dem, was ich schon durchmachen musste. Dafür gibt es Mitgefühl. Mir steigen die Tränen in die Augen. Aber zum Glück nur kurz.

Am Ende fühle ich mich beschwingt und erleichtert. Ich bin voller Hoffnung und Pläne und glaube wieder an die Lösbarkeit von Großproblemen. So ähnlich wird es wohl mit der Beichte sein, wenn der Gläubige einem gutem Beichtvater begegnet. Gottseidank muss ich nicht Buße tun und keine Vater-unsers oder Ave-Marias beten. Ich muss nur recht tief in die Tasche greifen.

Katholische Kirche, take that: Anamnese ist die neue Beichte!

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Eine Antwort zu “Anamnese ist die neue Beichte

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