Anti-Gentrifizierungsmaßnahmen mit Familienunterstützung

Anti-Gentrifizierungskit für Spontane

„Heute Abend kommen wieder Leute zur Wohnungsbesichtigung.“, erzählt mir meine Nachbarin, die leider bald auszieht. Und erwähnt dabei auch gleich, dass die Wohnung jetzt für 998 € vermietet werden soll, wo sie bislang nur 650 € gekostet hat. Bei mir schrillen sofort die Gentrifizierungs-alarmglocken. Ich bin empört. Das Haus ist total heruntergekommen. Alles, was gut ist an diesem Haus, kommt von seinen Bewohnern und mit diesen netten Nachbarn wirbt der Makler auch noch in seiner Anzeige.

Ich erinnere mich an ein lustiges Anti-Gentrifizierungsfilmchen, in dem dazu geraten wurde, Alditüten ans Fenster und Wäsche gut sichtbar auf den Balkon zu hängen. Außerdem solle das Klingelbrett um ein paar ausländische Namen erweitert und Fensterscheiben mit Fensterbruch-Fake-Folie überklebt werden. Habe ich nicht, kann ich nicht, will ich nicht, nicht vorhanden, resümiere ich. Aber folgendes kann ich: Die Deutschlandfahne von der letzten WM vom Balkon hängen, Zeitungsblätter im Treppenhaus drapiern und meinen Müll an den Treppenaufgang stellen.

Mein Sohn steuert auch noch ein paar nicht ganz uneigennützige Ideen bei. Er will ganz laut Musik hören. Ich nicke begeistert und drehe den Bass auf. Peter Fox dröhnt gut vernehmlich quer und hoffentlich auch vertikal durchs Haus. Außerdem will er mal wieder im Flur Fußball spielen. Klar, Sohn, aber nur, wenn du ordentlich dabei trampelst! Was er sonst ganz automatisch macht, fällt auf Anforderung schwer. Auf einmal läuft er leichtfüssig, kein Geräusch zu vernehmen. Ich befehle ihm zu trampeln. Er wird wütend und stampft mit dem Fuß auf. Na bitte, geht doch.

Am nächsten Tag frage ich die Nachbarin, ob unsere Anti-Gentrifizierungsmaßnahmen Wirkung zeigten. Sie selbst war bei der Wohnungsbesichtigung nicht zugegen, nur ihr Mann und die Kinder. Die haben aber von keinen besonderen Vorkommnissen berichtet.

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3 Antworten zu “Anti-Gentrifizierungsmaßnahmen mit Familienunterstützung

  1. Da triffst du den Nagel auf den Kopf! Neben all den Zivilisationskrankheiten wie Herzerkrankungen, Fettleibigkeit, Allergien, etc ist die Einsamkeit wohl die übelste. Wir skypen, bloggen, facebooken und chatten zwar was die Tastatur aushalten kann, aber mit einander reden und zuhören haben wir aber offensichtlich verlernt. Nicht dass ich irgendetwas vom obenerwähnten missen möchte, aber so ein echter zuhörender Mensch ist schon nicht zu verachten….

    • Lieber Wüstenfuchs, wie gut es tut, dass Du das mal so deutlich schreibst. Auch ich möchte nichts von alledem missen, vor allem nicht die Fettleibigkeit. Und ohne Herzerkrankungen – also manche wüssten doch sonst gar nicht, dass sie überhaupt ein Herz haben. Naja, nur bei den Allergien, ich finde da kommt es drauf an welche genau, also ich kannte mal jemanden, der war allergisch auf tierische Speisefettsäuren und das ist blöd, weil man dann von Selbstbräunern immer so hässlichen Ausschlag kriegt und eigentlich will man ja schön braun sein. Beziehungsweise so tun, als ob man ganz toll lange Zeit hatte in der Sonne zu liegen, damit alle anderen denken, Mensch, der ist ja so toll und dem hör ich jetzt mal so richtig zu. Und am übelsten missen würde ich dann wahrscheinlich auch die Einsamkeit. Genau wie Du.

    • Bei aller Selbstironie und den tatsächlich vorhandenen ansprechbaren und zuhörenden Freunden finde ich es wirklich manchmal ganz insprierend, mit einem völlig Fremden über persönlich Wichtiges zu sprechen. Die Distanz schafft oft eine interessante Perspektive.

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