Auch eine Anti-Atomwaffel, Frau Merkel?


Is this the dawning of the age of… Bürger-Emanzipation? Vom passiven Wahlvolk hin zur aktiven Teilhabe und Mitgestaltung? Geht das überhaupt? Vielleicht müssen wir es erst entwickeln!

Ob diese Waffeln vor Strahlung schützen?

Faszninierend, was da zur Zeit in Deutschland am Entstehen ist. In Berlin jagt ein Volksbegehren das nächste. Das Volksbegehren mit dem sperrigen Anliegen „zur Offenlegung der Verträge zum Teilverkauf der Berliner Wasserbetriebe“  kann durch den unermüdlichen Willen vieler starrköpfiger Berliner über eine Viertelmillion Unterschriften sammeln, wo „nur“ 172.000 gebraucht werden. Wohlgemerkt ohne die Unterstützung größerer Sponsoren, Werbung oder Parteien.

In Stuttgart, buchstabiere S-T-U-T-T-G-A-R-T, erheben sich Zehntausende gegen den bislang immer unumstrittenen Willen der CDU-Landesregierung und wollen plötzlich den lang geplanten Bahnhofsumbau nicht mehr haben (und das, wo ich immer dachte, dass alle renitenten Schwaben schon seit den Siebzigern nach Berlin ausgewandert sind…). Damit kann die CDU überhaupt nicht umgehen und lässt eine Schülerdemo samt begleitender Großeltern niederknüppeln. Schlimmer Fehler –  jetzt spricht ganz Deutschland über den Konflikt und die Bahnhofsgegner können sich über bundesweite Sympathien freuen. Heiner Geißler, CSU-Urgestein und Attac-Mitglied (sic!) übernimmt die Schlichtung.

Die Südberliner haben das Geschehen in Stuttgart genau studiert und protestieren inzwischen auch medienwirksam montäglich zusammen mit den Einwohnern angrenzender Brandenburger Gemeinden gegen die sie seit neuestem betreffenden Flugrouten des gerade im Bau befindlichen Flughafens BBI in Schönefeld. Sie fühlen sich vom Protest der Stuttgarter Bürger inspiriert. Ein Protest, der so ganz anders aussieht als das, was man von den Kreuzberger Maikrawallen kennt. Schließlich sind der Berliner Süden und auch die Gemeinden im Speckgürtel linkslastiger Radikalität unverdächtig. Man wählt eher bürgerlich-konservativ und möchte auch auf gar keinen Fall mit Flaschen- oder Steinewerfern mit bunt gefärbten Haaren und schwarzen Kapuzenshirts in einem Atemzug genannt werden.

Das Phänomen setzt sich im Wendland fort. Schon in der Woche vor dem Castor-Transport war spürbar, dass es diesmal anders werden würde. Das Volk hatte seine Kraft entdeckt wie ein noch wortloses Kleinkind, das gerade lernt, sich gegen Gleichaltrige durchzusetzen und versuchsweise kräftig schubst. Wer hat schon Zeit bis zur nächsten Wahl zu warten, wenn die wesentlichen Entscheidungen in der Zeit dazwischen fallen?

Kleines Nachtreten der Atomgegner, nachdem die Castoren doch noch Gorleben erreicht haben.

Im Wendland darf sich jeder einbringen. Ob er nun für die zigtausend Demonstranten kocht (beste Biozutaten gespendet von den örtlichen Bauern, wie man hört), sich an der klassischen, friedlichen Latschdemo mit Kundgebung beteiligt oder sich an ein Gleis kettet. Demonstrationen und ziviler Ungehorsam sind gesellschaftsfähig geworden. Und der zivile Ungehorsam scheint bitter nötig, denn wo eine Regierung nicht zuhören will, da muss man wohl lauter werden.

Biedere Bürger blockieren Seite an Seite mit  jugendlichen Aktivisten nächtelang bei Frost und Nieselregen Straßen oder schlafen gleich direkt im Gleis-Bett. Wenn die Polizei dann räumt, lassen sie sich widerstandslos forttragen oder gehen freiwillig und freuen sich, dass auch sie dem Castor-Transport ein paar Minuten Verzögerung abtrotzen konnten.

Auch ein paar unverbesserliche Gewalttäter sind vor Ort, liefern sich Schlägereien mit der auch nicht gerade zimperlichen Polizei und zünden einen Räumpanzer an, während sich noch Polizisten drin befinden. Glücklicherweise ist kein Mensch dabei zu Schaden gekommen. Auch das Feuer konnte gleich gelöscht werden. Solche Vorfälle diskreditieren in der öffentlichen Wahrnehmung leider auch den friedlichen und kreativen Widerstand und verleiten rechtskonservative Politiker wie den bayerischen Innenminister Herrmann zu demokratiegefährdenden Aussagen: „Gäbe es diese illegalen, gewalttätigen Demonstranten nicht, gäbe es die Kosten nicht.“ Sie seien die Verursacher der Kosten. „Man muss sich eher fragen, warum die nicht die Kosten zahlen.“. Er vergisst dabei ganz das im Grundrecht verankerte Demonstrationsrecht… Bayern pass auf, auch du hast einen Salzstock in Berchtesgaden, der sich als Endlager eignen könnte!

Die Wendlandbauern fahren in diesen Tagen so viel Trecker wie sonst nicht mal während der Erntezeit. Das mache müde, wie eine Sprecherin der Bäuerlichen Notgemeinschaft erklärt, da müsse man sein Fahrzeug schon mal zwischendurch „abstellen“. Wo auch immer man dann auch gerade blockierend herumsteht, rund um einen Wasserwerfer der Polizei, zum Beispiel. Damit wird zwar nicht der Castor gestoppt, aber Einsätze und Versorgungsrouten der Polizei werden empfindlich gestört.

Extra-Kreativitätspunkte bekommt auch die Aktion einer Schäferin, die ihre 1.700 Schafe und Ziegen in ein für den Castor unumgängliches Dorf trieb und damit für einige Zeit völlig gewaltfrei jeglichen Verkehr unterband. Großstädtische Polizisten durften an dieser Stelle dann ihre Affinität zur Kreatur testen und die Schafe und Ziegen irgendwohin treiben, Hauptsache weg.

Nicht unerwähnt bleiben soll auch die charmante Aktion, die sich die Bewohner von Gedelitz ausgedacht haben. Sie schütteten auf ihrer Hautstraße einen kniehohen Erdwall auf und blockierten damit die Castor-Route. Da der Transport erst losfährt, wenn die Straße komplett blockadefrei ist, musste auch hier die Polizei wieder ran. Wegräumen, befahl sie den Gedelitzern. Die gehorchten auch brav und schickten eine Handvoll Kleinkinder mit Spielzeugschippen und Plastikschubkarren zum Erdhügel, wo diese vergnügt ein paar Stunden spielten. Irgendwann verlor die Polizei die Geduld und griff selbst zur Schaufel.

Vor dem so genannten Endlager Gorleben campieren inzwischen 2000 bis 3000 Demonstranten, die auch bereit sind wieder die ganze Nacht auf der Straße zu verbringen. Für die meisten die zweite oder dritte Nacht in Folge. Hut ab für diese Einsatz- und Leidensbereitschaft. In der Fahrbahnmitte befindet sich das Schlaflager. Dort gönnen sich erschöpfte Blockierer ein Nickerchen. Vor der Blockade reihen sich verschiedene Stände aneinander, darunter auch ein Pizzabäcker. „Gern genommen werden auch die Anti-Atomwaffeln ein paar Stände weiter“, berichtet die taz.

Irgendwann werden die Castoren in Gorleben ankommen, denn zurück nach Frankreich können wir sie ja schlecht schicken. Aber die Regierenden sollten sich ganz dringend fragen, was so viele ihrer Bürger dazu bringt, ihre Unzufriedenheit derart laut und selbstbewusst auszudrücken.

Auch eine Anti-Atomwaffel, Frau Merkel?

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4 Antworten zu “Auch eine Anti-Atomwaffel, Frau Merkel?

  1. Super Zusammenfassung! Und das war ja schon lange mal fällig in Deutschland. Seit ich in der Schweiz stimmen kann(also seit 20 Jahren), freue ich mich jedes viertel Jahr, dass ich so viel zu Politik im Lande sagen darf. Leider ist es hier so, dass der Souverän, also das Volk, in der Schweiz oft nur zu 20% seine Souveränität ausübt. Schade, wenn man schon was sagen kann!

  2. Tja, lieber Wüstenfuchs, nun gab es hier in Berlin schon einige Volksentscheide. Aber alle bis auf einen (man muss sagen gottseidank) sind am Quorum (25 % der Wahlberechtigten) gescheitert. Der eine, der zustande gekommen ist fand auf Bezirksebene statt, hatte eine Wahlbeteiligung und Zustimmung von etwa 80 % und wurde dann vom Senat abgelehnt…
    Also wir müssen das hier auch noch üben 😉

  3. Super Artikel, du solltest das Ausbauen aus Beruf. Hoffentlich lesen viele diese Seite, da sie sehr informativ und vielschichtig ist.

    Gruß M

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