Vom Partyvolk weggentrifiziert

Auf dem Weg zur Party. Mit freundlicher Genehmigung von AnaMess.

Seit Oktober wohnt in der Wohnung unter uns eine Studenten-WG. Also, dass wir uns nicht falsch verstehen, die Immatrikulationsbescheinigungen habe ich nicht kontrolliert. Vier Leute in den Zwanzigern – WG halt. Sie folgte auf eine reizende siebenköpfige Familie, die über die 4-Zimmer Wohnung hinausgewachsen war. Der Vermieter roch das Geschäft seines Lebens, erhöhte die Miete um 50 % und fand gleich bei der ersten Massenbesichtigung viel zahlungswilliges Klientel, altersmäßig gerade dem Elternhaus in Wanne-Eickel entwachsen.

Die WG verhält sich tagsüber weitgehend unauffällig, nimmt brav Pakete an, lässt sich in keinerlei Gespräche verwickeln (Nennt mich Else Kling!) und verstellt mit den zahlreichen Fahrrädern den Hausflur, während wir Alteinwohner die unseren brav im beregneten Hinterhof parken.

Unsere WG ist nachtaktiv. Fast jeden Abend gibt es in der Küche Remmidemmi – die Stimmung ist gut. Küche und Bad haben eine hervorragende vertikale Akkustik, ich kann das also beurteilen. Wochenends steigt öfters mal ’ne Party. Da kann man dann in der Wohnung drüber zur frühen Morgenstunde die noch aus der eigenen Jugend bekannten 80er-Hits mitsingen: „Because the night belongs to lovers, because the night belongs to us.“. Das geht doch – schlimmer wäre es, wenn die Technopartys veranstalteten.

Wie dem auch sei, mit dem Sommereinbruch stehen die Fenster zum Hof jetzt offen. Von unserer Hinterhofakkustik könnte sich jeder Amphietheater-Architekt ’ne Scheibe abschneiden. Jedes Flüstern wird 1a übertragen! Spätestens da könnte es zu ersten Beschwerden der Nachbarn kommen, weil wir sie nach einer langen Partynacht mittels geräuschvollen Aufsperrens der Fahrräder und Antreibens unserer halbschlafenden Kinder beim Ausschlafen stören. Nein, die beschweren sich nicht. Sie haben noch einen gesunden Schlaf. Ob wir das auch durchhalten? Einmal war ich schon drauf und dran gegen 2 Uhr morgens um etwas Ruhe zu betteln. Wenn die Partygäste allzu viel mitsingen und das nicht gut können, wird es schwerer dabei einzuschlafen. Mein Mann guckte mich kritisch an, „Spießerin!“, sagte sein Blick. Ich wendete peinlich berührt die Augen ab und ging zu Bett. Irgendwann schlief auch ich.

In den touristischeren Ecken Kreuzbergs blüht inzwischen neben der Yuppy- die Touri-Feindlichkeit. Eine befreundete Engländerin, die schon seit 15 Jahren in der Reichenbergerstraße wohnt, beklagt sich darüber, dass sie mit ihrem Sohn nicht mehr auf offener Straße englisch sprechen könne, ohne von irgendjemanden als Scheiß-Touri beschimpft zu werden. Eine Beschreibung, was das mit ihrem als Engländerin sowieso schon von Geburt an beschädigten Deutschenbild macht, würde diesen Blog sprengen.

Die Fronten verschwimmen vor meinen Augen. Die, die gegen die Tourifizierung (eine Vorstufe der gefährlichen Gentrifizierung) kämpfen, sehen den in ehemals billigen Kreuzberger Altbauwohnungen – jetzt Hostels – wohnenden Touris jedenfalls oft verblüffend ähnlich. Aber ich will mich da nicht einmischen. Mein Beitrag gegen die Gentrifizierung: Ich klammere mich mit Zähnen und Klauen an unsere noch günstige Kreuzberger Altbauwohnung. Modernisierung hin oder her! Hoch lebe die Rechtsschutzversicherung, da kommt kein Mieterverein mit.

Liebe WGs dieser Welt, ihr wollt doch auch noch Kreuzberg. Im Nebenhaus ist gerade wieder eine Wohnung frei geworden. Für schlappe 1000 € (auch hier ein Plus von 50 %) ist die Wohnung euer. Wofür gehen eure Eltern arbeiten, greift zu. Als Gentrifizierer bezeichnet man doch nur diese Latte Macchiato trinkenden Yuppy-Typen, die ihren Porsche mittels Car-Lift in ihrem Dachgeschoss parken.

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