My private Tatort – mit Gebühren nicht zu bezahlen

SpionTatort aus Saarbrücken. Völlig abstrus. Von mit schlimmer Kindheit und Putzzwang geschlagenem Menschen mit uneindeutiger sexueller Orientierung entführte und isolierte Mädchen tauchen teils tot, teils noch lebendig, nach Jahren leichenblass (mindestens 1 Jahr kein Sonnenlicht!) und mit stark beanspruchter Haut (stark ätzende Putzmittel!) im Engelshemdchen (ganz selten verwendeter Stoff, selbstgenäht) wieder auf. Von Alkoholsucht, mangelnder Selbstbeherrschung und Misserfolgen (er war schon damals für die Entführungsfälle zuständig!) geplagter Kommissar verzweifelt an miesem Drehbuch und hölzernen Dialogen. Macht nichts, es war zum Glück der letzte Tatort in dieser Konstellation aus dem äußersten Westen.

Aber dann? Ja dann stehe ich mit dem Mann an meiner Seite auf dem Balkon und lästere noch ein bisschen über dieses mediokre Stück gebührenfinanzierter Fernsehunterhaltung, als auf einmal nebenan das Licht angeht. Ich verstumme blitzartig, schließlich weilen die Nachbarn im Urlaub und ich habe als einzige den Schlüssel, um die Blumen durchzufüttern.

Nicht als einzige, fällt mir ein, da gibt es noch jemanden, der hat sich dort aber nicht aufzuhalten und schon gar nicht zu nachtschlafender Zeit. Die Nachbarin hatte mich extra gebeten, ein Auge auf ungebetenen Besuch zu haben… My private Tatort ist über die Pretitle Sequenz hinaus und in vollem Gange. Ich traue mich nicht rüberzugehen und nachzusehen, ob und wer da wohl ist. Mit dem Mann an meiner Seite (M.a.m.S.) einige ich mich darauf, dass das ja nicht unsere Sache sei, wenn die den Schlüssel auch noch anderweitig deponieren und somit Zutritt ermöglichen. Der M.a.m.S. zieht bedächtig an seiner Zigarette, bläst kunstvolle Rauchringen in die nächtliche Welt und wendet dann doch ein, dass es aber auch ein Einbrecher sein könne und dann würden wir uns ja Vorwürfe machen, wenn wir der Sache nicht nachgegangen wären. Das leuchtet mir ein. Ich gehe zur Wohnungstür und spähe durch den Spion. Ich sehe nur Dunkelheit. Die Tür öffnen traue ich mich nicht. Was, wenn der Einbrecher gerade herauskommt und keine Zeugen brauchen kann? My private Tatort wird spannend!

Der M.a.m.S. ist nicht so zimperlich und geht nachsehen. Die Nachbarstür scheint unversehrt. Ein schlauer Einbrecher lässt die aber auch nicht offen stehen, solange er drin ist, glauben wir zu wissen. Wir beschließen die Polizei zu rufen, zur Vermeidung von potenziellen Selbstvorwürfen. Die Polizei stellt viele Fragen und verspricht dann Kollegen vorbeizuschicken. Wir beschließen hinter unserer sicheren Wohnungstür Lauschposten zu beziehen, falls sich gegenüber was tut.

Es tut sich nichts. Auch die Polizei kommt nicht ganz so schnell, wie gedacht. „Vielleicht umstellen sie gerade das Haus?“, mutmaße ich nicht ganz ernst gemeint. Der M.a.m.S. bietet mir einen Stuhl an. Sitzen erscheint mir aber nicht die richtige Haltung in einer derartigen Situation. Ich verlagere das Gewicht. Einige Gewichtsverlagerungen später erwäge ich doch den Stuhl anzunehmen. Da klingelt es! Mein in die Gegensprechanlage gehauchtes „Hallo?“ (der Einbrecher könnte mitlauschen!) wird nicht beantwortet. Wer soll es schon sein, denke ich und drücke den Türöffner.

Zwei hochgewachsene attraktive Männer Anfang 30 in Zivil (genaues Beobachten ist wirklich wichtig!) kommen die Treppe herauf. „Polizei?“, frage ich der Ordnung halber, obwohl eine halbe Treppe dahinter schon die Vorhut von beeindruckenden 15 SEKs anrückt, dazu noch ein paar „normal“ Uniformierte. Gemeinsam klären wir nochmal die Fakten, die verschiedenen Truppenbestandteile haben unterschiedliche Informationsstände. Inzwischen wurden schon der Hinterhof, das verbundene Nebenhaus und die oberen Etagen gesichert. Ich bin ziemlich beeindruckt.

My private Tatort erreicht seinen Höhepunkt, als ich die Tür aufsperre. Ich bin jetzt echt nicht in der Verfassung den komplizierten Schließmechanismus, den nur meine Nachbarn und sonst niemand auf der Welt haben, zu erklären. Schloss eins treffe ich nur mit Hilfe beider zittriger Hände, ca. 20 Augenpaare beobachten mich dabei, die eigenen Hände am Halfter. Wird der Einbrecher sich womöglich von drinnen den Weg freischießen, frage ich mich ganz kurz und  überlasse das endgültige Öffnen von Schloss zwei den Menschen, die dafür bezahlt werden, Kugeln auszuweichen. Mit ebenso zittrigen Knien verschanze ich mich in unserer Wohnungstür, verpassen will ich trotzdem nichts. Hey, it’s my private Tatort!

Die Tür öffnet sich, die Waffen werden gezückt, das SEK betritt, sich gegenseitig Feuerschutz gebend, die Wohnung und durchsucht, wie man das aus dem Fernsehen erwartet, die Räume mit „Check-“ und „Sauber“-Rufen. Einer nach dem anderen kommt wieder heraus. Niemand drin… Ob sie auch in die vielen Meter Wandschrank gesehen haben, überlege ich kurz. Nach einem knappen Bericht ziehen SEK und Uniformierte ab. Die Kripo in Zivil teilt mir mit, dass es nicht nach Einbruch aussieht. Natürlich könne der weitere Schlüsselbesitzer in der Wohnung gewesen sein, das ließe sich aber nicht feststellen. Mir ist die Sache peinlich und ich fange an mich zu rechtfertigen. Ganz schöner Aufmarsch für gar kein Ergebnis. Habe ich das Licht wirklich gesehen oder hat es von der Straße oder dem übernächsten Erker durchgescheint? Die Kripo beruhigt mich, ich hätte alles richtig gemacht und gibt mir noch ein paar Tipps zum einfachen Auswechseln des Schließzylinders sowie wie einfach es ist den Schlüssel von einer Person zurückzuverlangen, mit der man vordergründig ein gutes Verhältnis haben will, der man aber in Wirklichkeit zutiefst misstraut – gern auch mit Unterstützung der Polizei. Nicht mein Problem, immerhin.

Am nächsten Tag frage ich mich, ob die Polizei auch alle Lichter wieder ausgemacht hat. Ich nähere mich zögerlich der Nachbarwohnung. Und wenn der Kerl da jetzt wieder drin und noch sauer auf mich wegen letzter Nacht ist? In einer Ecke lehnt noch die kürzlich ausgebaute Kleiderstange. Sollte ich mich besser bewaffnen? My private Tatort geht in die Verlängerung…

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