Umzingelt!

Draußen gefährlich - Mit freundlicher Genehmigung von EnneMess

Draußen gefährlich – Mit freundlicher Genehmigung von AnaMess

Damals im heimeligen Zwischenspießigkeitstief namens Speckgürtel kuckten sie mich entsetzt an, als ich fröhlich verkündete in Kürze nach Kreuzberg ziehen zu wollen. „Da wohnen doch nur Türken und Chaoten,“ waren sich die überzeugten Speckgürtler vor Abscheu schaudernd einig. Andere berichteten mir, dass sie durch Kreuzberg nur mit von innen verschlossenen Türen fuhren. Ich dachte an drive-by-shootings und South-East Los Angeles und grinste naiv vor mich hin. Was war ich blauäugig damals…

Reumütig gedenke ich der weisen Speckis, als ich vom Einkaufen zurückkomme und der freundliche Taliban vom islamischen Bestattungsservice unten im Haus, der gerade noch den Gehsteig fegte, herbeispringt, um mir die Tür aufzusperren. Nicht, um mich zurück an den Herd zu schuppsen, wie man meinen würde, sondern, damit ich die Einkäufe nicht abstellen muss. Seine Frage, ob ich abgenommen hätte, muss ich bedauernd verneinen. Nein, er ist mir auch nicht böse, dass ich ihn neulich versehentlich beim Beten gestört habe, als ich das Päckchen abholen wollte, dass er für mich angenommen hat. Dass seine mit Kopftuch verhüllte Tochter, die gelegentlich das Büro betreut, die Mülltrennung nicht einhält, werde ich ihm allerdings irgendwann sagen müssen. Dschihad hin oder her.

Egal, die Tochter studiert wahrscheinlich inzwischen in Oxbrigde und das Paket-Gebet-Problem haben wir heute auch nicht. Kaum oben angekommen, klingelt es sturm. „Chermes,“ meldet sich eine vertraute Stimme über die Gegensprechanlage. Der stets vergnügte, russische Hermes-Bote bringt mir Päckchen für mich und die abwesenden Nachbarn. Mit einem freundlich-frohen „Schönes Wochhhenende“ entschwindet er wieder. Ich lächle ihm hinterher, gut aussehen tut er auch!

Noch bevor ich die Päckchen inspizieren kann, klingelt es wieder sturm. „Postpaket für Sie, Frau Sib,“ meldet sich der DHL-Bote in kundenorientierter Ansprache. Ich öffne ihm Tür und Herz, so gut gezupfte Augenbrauen hätte ich auch gern. Diese Araber, kosmetisch weit voraus…

Was nun wirklich zu weit geht und allen düsteren Prognosen meiner ehemaligen Nachbarn und Mit-Speckis die befürchtungsschwangere Krone ins Gesicht schlägt sind die jüngsten Ereignisse in der Klasse meines Sohnes. Es gibt eine neue Schülerin. Türkeistämmig. Mutter mit Kopftuch und figurverhüllendem Mantel. Gut, das Mädchen hat sich ratzfatz in die Klasse integriert und sprang bei den Bundesjugendspielen weiter als mein Sohn. Ok, die Mutter spricht akzentfrei deutsch und arbeitet wie wir anderen Mütter auch. Aber, kann das angehen, mitten in Kreuzberg, in einer ganz normalen Einzugsbereichsgrundschulklasse: die erste und einzige Schülerin mit Migrationshintergrund?!?

Gut, dass die Speckis das nicht wissen. Sie würden alle herziehen wollen…

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