Breaking the Silence – Was tun wir uns an?

Palästinensische Kinder spielen Besatzungsalltag

Es geht um den eigenen moralischen Verfall und darum ein anderes Volk durch permanente Schikane in Schach zu halten. So kann man Nadavs Erklärungen zur Ausstellung „Breaking the Silence“ (Das Schweigen brechen) im Willy Brandt-Haus zusammenfassen. Nadav hat von 2007 bis 2010 seinen Militärdienst in Hebron geleistet. Jetzt berichtet er Besuchern der Ausstellung von seinen bitteren Erfahrungen und von verlorenen moralischen Grenzen.

In Israel kann man den Militärdienst nicht, wie in Deutschland etwa, verweigern. Israelische Kinder, Jungs und Mädchen, werden von klein an auf ihre Pflichten ihrem Vaterland gegenüber vorbereitet. Für sie ist es selbstverständlich mit 18, 19 Jahren für drei Jahre in der Armee zu „dienen“. All das erzählt uns Nadav heiser und hustend und sichtlich gehetzt. Als wir die Ausstellung betreten, werden wir sofort von ihm abgefangen und gefragt, ob wir an der Führung teilnehmen möchten, die gleich beginnt. Andere Führer bittet er immer wieder leiser zu sprechen. Auch mich, die ich für einen Freund übersetze, bittet er noch leiser zu sprechen und weiter nach hinten zu gehen, um uns dann gleich wieder etwas nach vorn zu winken, damit wir ihn auch ja hören können.

Die Ausstellung zeigt Amateurfotos, die israelische Soldaten während ihres Einsatzes in den besetzten Gebieten für sich privat geknippst haben. Einigen von ihnen war es nach dem Dienst ein Bedürfnis über ihre Erfahrungen zu sprechen und ihre so gründlich andere Sicht der Dinge zu zeigen und sie gründeten die Organisation „Breaking the Silence„, deren Ausstellung immerhin auch schon in der Knesset zu sehen war.

Nadav erklärt uns, dass er vor seiner Militärzeit nie in den besetzten Gebieten war und nichts über die Lebensumstände der Menschen dort wusste – wie etwa 90 % der israelischen Bevölkerung. Er erzählt uns, welche unglaubliche Macht und auch Verantwortung jugendliche israelische Soldaten dort übertragen bekommen. Sie werden darauf vorbereitet gegen feindliche Soldaten und Terroristen zu kämpfen. Wenn sie ihren Dienst dann antreten, sehen sie aber nie Soldaten oder Terroristen, sondern immer nur einfache palästinensische Männer, Frauen und Kinder. Es ist ihre Aufgabe, diesen Männern, Frauen und Kindern zu misstrauen, ihre Ausweise zu kontrollieren und für die Einhaltung der willkürlich verhängten Ausgangssperren zu sorgen. Sie müssen Checkpoints zwischen palästinensischen Dörfern bewachen. Dort kontrollieren sie Passierscheine und Ausweise und lassen die Menschen nach stundenlangem Warten passieren oder eben nicht. Es ist ihre Aufgabe, Palästinenser bei der geringsten Verfehlung oder auch nur bei einem vagen Verdacht zu verhaften, stundenlang in der brütenden Sonne oder wo auch immer mit gefesselten Händen und verbundenen Augen schmoren und sie dann, wenn nichts Gravierendes vorliegt, wieder gehen zu lassen. Am Anfang habe man noch Angst und traue sich nicht, wesentlich ältere Männer einfach nach ihrem Ausweis zu fragen oder ihre Taschen zu kontrollieren, aber nach dem zwanzigsten Mal bzw. nach zwei oder drei Tagen sei diese persönliche Grenze überschritten und das Kontrollieren werde Routine, berichtet Nadav. Im Laufe der Führung erzählt er uns noch von vielen weiteren persönlichen Grenzen, die er in seiner Militärzeit überschritten hat.

Hebron ist eine Stadt im palästinensischen Westjordanland mit circa 180.000 Einwohnern. Mitten drin wohnen 800 israelische Siedler, die stets von 500 bis 600 israelischen Soldaten bewacht werden. Nadav erzählt von unerträglicher Langeweile, weil selten etwas passiert. Man steht herum, zielt (zielen nicht schießen!) zur Sicherheit auf plötzlich auftauchende, womöglich nur ihre Tauben fütternde Palästinenser, kontrolliert Passanten, auch Schulkinder oder durchsucht nachts palästinensische Häuser. Das so genannte Mapping findet jede Nacht ab circa zwei Uhr morgens statt. Zu dieser Uhrzeit sind alle zuhause. Eine kleine Einheit Soldaten klopft an ein palästinensisches Haus, versammelt alle Bewohner, Männer, Frauen, Kinder, Alte, Kranke,  in einem Raum, kontrolliert die Pässe, schießt Fotos von den Personen, durchsucht alle Räume und zeichnet einen Grundriss des Hauses. Wird nichts Verdächtiges gefunden, dürfen die Bewohner wieder ins Bett – und die israelischen Soldaten ziehen weiter zum nächsten Haus. Nadav sagt, dass er anfangs immer die Fotos und Berichte aufgehoben und darauf gewartet hat, dass jemand sie abholt. Aber das passierte nie. Er hat dann irgendwann verstanden, dass es nur darum geht, den Palästinensern zu zeigen, wer das Sagen hat und sie permanent in Angst und Schrecken zu versetzen. „Keiner soll wissen, ob er jetzt gleich kontrolliert wird oder eine Ohrfeige bekommt oder ob heute Nacht sein Haus durchsucht wird.“, sagt auch einer der Soldaten im Film. Damit sie nicht anfangen sich stark zu fühlen, sich zu organsieren oder gar den Aufstand wagen.

In der Ausstellung gibt es eine Bilderserie von einem erschossenen Palästinenser, der mit heruntergezogener Hose in einem Gewächshaus zwischen Pflanzenreihen liegt. Er wollte eine israelische Siedlung angreifen. Mit der Leiche posieren israelische Soldaten. Allerdings nicht die Einheit, die den Palästinenser erschossen hat, sondern eine, die in der Nähe war und das seltene Ereignis nicht verpassen wollte. „Schließlich geht man in die Armee um sein Land zu beschützen.“, erklärt uns Nadav die Tatsache, dass triumphierend lächelnde Soldaten um oder mit dem Fuß auf der Leiche posieren – wie die Amerikaner in Abu Ghuraib. Ein israelischer Offizier wünschte sich das Foto als persönliche Trophäe und hat sich per Photoshop aus der Menge ausschneiden und direkt neben die Leiche platzieren lassen – wie ein Jäger neben seiner Beute. Beide Fotos hängen in der Ausstellung – zum Vergleich und wohl zur Veranschaulichung, was der so genannte Nahostkonflikt aus den Menschen macht. Der erschossene, palästinensische Terrorist ist erstaunlicherweise der einzige Angreifer, der in der Ausstellung gezeigt wird. Kein Wort von Hamas oder anderen militanten Organisationen.

Am Ende der Führung werden wir vor einem Fernseher geparkt, der einen ehemaligen Lehrfilm der israelischen Armee zeigt. Der Film war vor einigen Jahren zu den israelischen Medien durchgesickert und sorgte für einen mittleren Skandal. Einer der im Film gezeigten, Palästinenser schikanierenden Offiziere wurde daraufhin sogar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seiner Einheit gefiel das nicht. 60 von ihnen unterzeichneten eine Petition, die den Offizier als „Bauernopfer“ bezeichnete. Ihrer Aussage nach sei das Verhalten des Offiziers absolut üblich gewesen und habe sich in keiner Weise vom Verhalten des Rests der Armee unterschieden.

Eigentlich wollte Nadav nach dem Film Fragen beantworten. Aber er führt schon die nächste Gruppe heiser und hustend und gehetzt durch die Ausstellung – ehrenamtlich und wohl um seine persönlichen Grenzen wieder aufzurichten.

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