Kaugummi aus der Steinzeit

Der Mann jagt Geld. Die Frau sammelt Einkäufe, kocht, hält die Höhle in Ordnung, zieht die Kinder groß, etc. – und das, wo sie doch auch einen Job hat. Mit freundlicher Genehmigung von AnaMess

Manche Dinge kleben wie Kaugummi an der luftgepolsterten Hightech-Schuhsohlen des modernen Postgender-Menschen. So auch gewisse Steinzeitdogmen, die die Gesellschaft einfach nicht loszuwerden scheint. Auf Heimat- und Familienbesuch wird es mir wieder deutlich – an der Rollenverteilung hat sich nicht viel geändert, seit unsere Vorfahren lernten, das Feuer zu beherrschen. Der Mann jagt Geld, die Frau sammelt die Einkäufe ein. Alles rund um Feuerstelle und Höhle ist strikt Frauensache, obwohl die doch auch einen Job hat… Manche zeitgenössischen Steinzeitfrauen behaupten, der Hausherr verhielte sich wesentlich kooperativer, wenn keine Gäste im Haus seien. Warum dann? Schämt er sich der Küchenarbeit, der alte Säbelzahntiger?

Voller gerechter Empörung kehre ich in die Postmoderne zurück, nur um an der heimischen Feuerstelle erkaltete Asche vorzufinden. Die Balkonblumen sind vertrocknet, die Vorräte verfault, Wohnung und Mann in einem desolaten Zustand, nicht mal das Auto hat seinen überfälligen TÜV bekommen. Kein Wunder, die Höhlen- und Familienmanagerin war ja weg. Der Mann lag hilf- und orientierungslos auf dem Sofa, seinen Schmerz mit Bier betäubend.

Voller Verzweiflung und angesichts fehlender Rohstoffe, schleppe ich die Familie dorthin, wo sie hingehört: in die Steinzeit, ins Neuköllner Restaurant Sauvage. Ein hübsches, kleines Restaurant, das ganz ohne industriell erzeugte Zutaten und romantischerweise auch ohne elektrisches Licht auskommt. Sogar die Unisextoilette wird nur von stimmungsvoll flackernden Kerzen erhellt.

Das Sauvage verwendet fast ausschließlich Zutaten, die auch dem Steinzeitmenschen zur Verfügung gestanden haben und verzichtet damit auf Getreide, Zucker und billige Öle und Fette. Dafür setzt man ganz auf Bio, Ursprung und „Slowfood“. So liegen dann auch auf dem Teller Speisen, die man so noch nie gekostet hat. Canneloni, nicht aus Nudelteig, sondern aus… ja, woraus nur? Mit der Spinat-Linsenfüllung sowie Cocos und Garam Massala kommen die Teigtaschen auf einmal indisch daher. Nur im Gegensatz zur gut gewürzten und oft scharfen indischen Küche irgendwie zu mild und süßlich. Das Wildschweinragout mit den Kürbis-Salbeinocken ist dagegen rund und gut. Der Vorspeisenteller besteht aus einer reichen Auswahl an Pestos, Patés und Gemüsekreationen. Dazu gibt es zwei winzige Scheibchen Brot aus Kürbis und ein paar Kräcker aus Samen und Saaten. Zum Glück lassen sich Brot und Kräcker ohne Aufpreis nachbestellen. Speziell das Kind, das außer der Salatbeilage nicht viel findet, was ihm schmecken könnte, liebt die Kräcker. Vielleicht einen Pebbles- oder Bammbamm-Teller auf die Karte setzen?

Das Essen ist interessant,  oft auch lecker, aber nicht immer. Die Preise kommen gehoben daher. Das teuerste Gericht ist ein Rinderfilet für 24 €. Das sind die erlesenen Zutaten und die sorgsame Zubereitung, in deren Abläufen sich garantiert keine Convenience-Food findet, bestimmt auch wert. Trotzdem – so richtig überzeugt sind wir nicht, kehren zurück in die Gegenwart und bekochen uns wieder selbst. Die Küche räumt übrigens der auf, der nicht gekocht hat!

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