Sie weint

Sie wäre am liebsten bei den Kindern. Mit dem Ufo ginge es blitzschnell.
Mit freundlicher Genehmigung von AnaMess.

Ich muss noch schnell einkaufen. Als ich auf den Ladenvorplatz einbiege, sehe ich schon die alte Romafrau, die sich mit dem Anbieten einer Obdachlosenzeitung über Wasser hält. Sie winkt und lächelt mir zu, wie immer. Ich winke und lächle zurück, schließe mein Rad ab und krame schon nach Geld und Einkaufswagenchip.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie ein Mann, mit einem kleinen Kind an der Hand, auf sie zugeht. Sie beugt sich zu dem Kind hinunter. Das Kind gibt ihr etwas, wahrscheinlich Geld, das ihm der Vater vorher für die Frau zugesteckt hat. Eine Zeitung nehmen sie nicht. Das erwartet die Frau auch gar nicht. Niemand will eine Zeitung. Sie spricht mit dem Kind, streicht ihm über den Kopf. Vater und Kind gehen weiter, verschwinden um die Ecke.

Ich habe meine Sachen endlich beisammen und gehe zu den Einkaufswagen, wo auch die Romafrau steht. Sie sieht irgendwie anders aus heute, so von Nahem. Verquollen. Sie wischt sich die Augen. Ist sie krank? Sie wischt und wischt. Ich sehe sie genau an und erkenne, dass sie weint. Aber wieso weint sie denn? Ich frage sie ganz erschrocken, was los ist. Sie zuckt mit den Schultern und deutet mit der Hand eine Größe in Höhe ihres Oberschenkels an. Das Kind, weint sie wegen des Kindes? Ja, sagt sie. Für mehr Gespräch reichen ihre Deutschkenntnisse nicht. Das habe ich früher schon mal versucht. Sie spricht auch keine andere Sprache, die ich kenne. Aber ich weiß, sie hat Diabetes und sie hat Kinder, die sie immer sehr vermisst, wenn sie in Berlin ist. Davon ist eines noch recht klein. Da ich sie auf mindestens 60 schätze, habe ich nachgehakt, ob das ihr Kind ist oder ein Enkelkind. Sie bestand darauf, dass es ihr Kind sei. Vielleicht ist sie noch gar nicht so alt und sieht nur so aus, weil sie so ein anstrengendes, hartes Leben führt? Sie weint immer noch. Ich biete ihr ein Taschentuch an, murmele etwas Tröstendes und weiß auch nicht, was ich tun soll. Ich schicke ihr noch einen mitfühlenden Blick und gehe in den Laden.

Als ich nach einer dreiviertel Stunde wieder rauskomme, schnieft und wischt sie immer noch. Ob mit ihrem Kind etwas Schlimmes passiert ist?

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