Senfdilemma

Nach dem Fest bleibt immerhin noch Deko und Bier.

Mein Geburtstag will nachgefeiert werden. Da am Nachgeburtstagswochenende keiner Zeit hat, verschiebt sich die Sache auf Ende Oktober – ein Oktoberfest also. Und so laden wir unsere Freunde zu einem „Oktoberfest – don’t call it Wiesn!“ ein. Die verstehen das natürlich wieder komplett falsch und fragen reihenweise an, ob da Dirndlzwang sei. Da ich so etwas selbst nicht besitze, verneine ich zunächst vehement. Was macht der Mann an meiner Seite (MamS)? Schleppt umgehend verschiedenstes bayerisches Bier zur Verkostung an. Spätestens als mir die Idee kommt, doch für das Buffet einen Obatzd’n zu zaubern, knicke ich ein. Okay, es wird ein bayerisches Fest. Zum Glück hat das Kind keine Ahnung, was das bedeutet und beschließt für die anderen Kinder Bingo zu veranstalten. Bingo!

Am Tag X erstrahlt unsere Wohnung in weiß-blau gerauteter Pracht. Brezel-Girlande schwingen sich dekorativ von Schranktürgriff zu Schranktürgriff und ein T-Shirt mit aufgesticktem Trachtenmotiv habe ich auch noch gefunden. Der MamS hat am Vormittag schon ein riesen Stück Leberkäse besorgt sowie eine stilechte Bierzeltgarnitur und ich schon vor ein paar Tagen mehrere Packungen Tiefkühlbrezen zum Aufbacken. Die Gäste können kommen. Das tun sie auch. Familiengerecht ab 15 Uhr füllt sich die Hütte. Die Gäste schleppen Blumensträuße, Kuchen, Antipasti, Tapas, Sekt, Wein und Kinder an. Im Dirndl kommt trotz der ganzen Anfragen keiner. Man glaubt ja nicht, was alles mit so einem Körper passieren kann, innerhalb von 20 Jahren Dirndlbesitz. Unten zu eng, oben zu leer oder hochgeschlossen. Geht alles gar nicht, beschließen die Dirndlbesitzerinnen und kommen in Jeans. Am Ende bin ich mit meinem Trachtenshirt und dem Almabtriebskopfschmuck noch die Bayerischste unter unseren Gästen. Die probieren sich begeistert durch zehn Sorten bayerisches Bier, dessen Etiketten sich in unserer Badewanne langsam von den dort kühl gelagerten Flaschen lösen, arbeiten sich durch das manigfaltige Kuchenangebot und lauern auf den Leberkäse, der im Ofen überraschend lange braucht, um wieder auf Betriebstemperatur zu kommen.

Inzwischen gewinnt die kleine L. mit Hilfe ihrer Mutter zum dritten Mal im Bingo und die anderen Spieler haben Mühe, ihren Unmut in Zaum zu halten. Wären sie größer und kennten sie diese Berufsgruppe schon, würden sie nach ihrem Anwalt schreien! L.’s Mutter, ihres Zeichens Dramaturgin, erkennt aber eine Zuspitzung und überzeugt das Töchterchen, dass drei gewonnene Wundertüten genug sind. So kehrt wieder Harmonie ein und der Abend nimmt seinen bierseeligen Verlauf, bis endlich der Leberkäse so weit ist. Der MamS hatte darauf bestanden, dass ich süßen Senf besorge. Ich kann mich aber aus meiner Fleischesservergangenheit gar nicht mehr daran erinnern, dass man Leberkäse mit süßem Senf ist… Umfragen unter weiteren aus Süddeutschland stammenden Gästen, ergänzt um ungefragt eingebrachte, norddeutsche Meinungsäußerungen, ergeben das Bild einer tief gespaltenen Gesellschaft: Die einen bestehen auf süßen Senf, die anderen auf mittelscharfen. Zum Glück haben wir beides im Angebot!

Gegen 23:30 Uhr verabschieden wir den letzten Gast und machen uns ans Aufräumen. Von der WG unter uns vernehmen wir zunehmend vertraute Geräusche. Laute Musik, häufiges Wohnungstürgeklapper, Gespräche und Gelächter im Treppenhaus… da fängt gerade eine Party an!  Ich betrachte die extensiven Kuchenreste auf unserem Küchentisch und beschließe, dass sie eine Etage tiefer besser aufgehoben sind. Dort werden die Kuchen mit Begeisterung empfangen und ich gleich wieder hinauskomplimentiert. Die Studi-WG muss sich schließlich um ihre gerade eintreffenden Gäste kümmern. Ich gehe nach oben und lege mich ins Bett. Die Musik von unten ist laut und stammt aus den 80er und 90er Jahren, so dass ich mitsingen kann. Eines gibt mir aber zu denken: Wieso, zumTeufel, behandeln mich die von unten eigentlich mit dergleichen ausgesuchten Höflichkeit, wie ich die 80-jährigen Nachbarn von nebenan?! Ich fühle mich alt…

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