Die Aussichten am Alex

Abendrot am Alex

Ich mache eine Weiterbildung am Alex. Das Feeling ist gut. Die Aussichten? Wir werden sehen.

Viele Tage später
97 von 100 Punkten. Heissa!

Tag 20
Das Projekt ist abgegeben, trotzdem finde ich mich noch ein letztes Mal mit leiser Wehmut im Herzen im Büro am Alex ein.
Die Ingenieure sind noch schwer am Rödeln. Frau Ingenieurin hat Glühwein mitgebracht und bietet ihn schon zum Frühstück an?!? Kurz vor dem Mittagessen wird das Angebot dringlicher formuliert. Die Kanne soll leer werden. Der böse Mann aus Rudow greift beherzt zu.

Tag 19
Der Kurs unterhält sich munter über das Grauen von Vorstellungsgesprächen. Der Dozent hat wertvolle NLP-Tipps und solche aus der Lebenserfahrung: „Wenn man sich bei einer kleinen Agentur vorstellt, dann sitzt man da vor mindestens vier Leuten – und der mit dem Kik-Pulli, der die Server betreut, ist der Chef.“
Und dann noch der Tipp, wie man sich vor vom Arbeitsamt vermittelten Callcenter- und Leasing-Firmen-Angeboten drückt („Die nehmen jeden, bis er verbrannt ist.“): Beim Ausfüllen des unausweichlichen Formulars bei der Frage nach den Vorstrafen weder „ja“ noch „nein“ ankreuzen. Damit lehnen sie einen garantiert ab und das Arbeitsamt kann auch nichts machen, man ist schlicht nicht verpflichtet diese Auskunft zu geben.
Man lernt hier wirklich für’s Leben…

Tag 18
Vor dem Kaffeeautomaten Bergbauingenieur kennengelernt. Frage: Was macht Bergbauingenieur in Berlin? Antwort: Nicht arbeiten…

Tag 17
„Meine Vorgehensweise ist in der Reihenfolge falsch, aber im Ergebnis richtig! Lassen… Sie mich doch….. bitte mal aus… reden…“ versucht sich einer der Ingenieure gegen seinen schnellsprechenden, südländischen Dozenten durchzusetzen. Ohne Erfolg…

Tag 16
Heute kann ich von den Nah-Mitschülern einiges über Inkasso lernen: Rechnung unbedingt direkt an Vertragspartner bezahlen, nicht an Inkasso-Unternehmen – Inkasso ignorieren – Mahnbescheid nicht anerkennen (aber bearbeiten und zwar innerhalb der Frist!) – Inkasso müsste dann klagen, kann es aber nicht, weil Rechtsgrundlage fehlt. Viel Glück!

Tag 15
Die Projektphase beginnt. Wir haben jetzt fünf Tage Zeit, das was wir gelernt haben, beim Aufbau einer eigenen Website mit Redakteurssystem zu beweisen. 100 Punkte gilt es zu erringen. Schlechter als 80 war aber noch keiner, tröstet uns der Dozent, der nach eigenen Angaben NLP-Experte ist. Demnach sind Männer, die die rechte Hand in der Hosentasche haben, entweder extrem selbstbewusst oder extrem unsicher. Aha… Selbstbewusst, weil sie es nicht nötig haben, ihre Waffe zu zücken. Unsicher, weil sie sich nicht trauen, ihre Waffe zu zücken. Letzteres gern gepaart mit Wippen auf den Zehenspitzen. Der böse Mann aus Rudow hat noch eine andere Theorie, warum Männer die Hand in der Hosentasche haben…

Tag 14
Unser Dozent weiß: „Bei typo3 sind die Dunkelhaarigen die Chefs!“. Nur in welchem Zusammenhang hat er das gesagt und war es bevor oder nachdem er sich über die erschreckend trockene Raumluft in seinem Dozentenbüro beschwert hat? Nur 25 % Luftfeuchtigkeit, zum Beweis hält er eine kleine Wetterstation in die Kamera. Schimpansen wären bei einer solchen Trockenheit längst von der Stange gekippt, motzt er. In seinem Wohnzimmer hat es wohl stets 60 % Luftfeuchtigkeit. Jeder braucht ein Hobby…

Tag 13
„Wenn einer nicht schwimmen kann, liegt’s auch an der Badehose“, des Ingenieurs Kommentar zur Beschwerde eines Mitschülers über seinen Rechner. Und: „Keiner soll hungern, ohne zu frieren!“. Wow, dieses Karl-Marx-Stadt (aka Chemnitz) steckt voller fundamentaler Lebensweisheiten, verpackt in einen wundervollen Dialekt. Der Kaffeeautomat spendiert einen letzten Becher, bevor er sich wieder verabschiedet.

Tag 12
Das Fernlern-System hat Nachteile. Heute ist Hessen offline und damit der Dozent. Wir haben vor allem Pause und warten darauf, dass die Technik sich wieder einkriegt. In Berlin ist leider heute der Kaffeeautomat kaputt. Der Kaffee vom Berliner Verlag ist dreimal so teuer, aber leider schlecht. Dafür wirft der Kassierer beim Geldwechseln die Musik an seinem Rentiergeweih an. Das ist auch schön.

Tag 11
„Wordpad ist gefährlich!“, warnt der Dozent besorgt und empfiehlt die Verwendung eines anständigen Editors. Um 9:50 haben wir in Berlin kompletten Stromausfall. Der böse Mann aus Rudow beschreibt wie er im Fall eines Atomkriegs seine Familie mit einer aus einer „Bullenwanne“ zu entwendenden Heckler&Koch erschießen würde, „damit sie nicht lange leiden müssen“. In die betroffene Stille hinein erzählt der Ingenieur aus Chemnitz einen Witz: Ein Punk findet eine Flasche, öffnet sie, Rauch kommt heraus, bezaubernde Jeannie manifestiert sich, bietet Punk als Dank für ihre Befreiung zwei Wünsche an. Punk überlegt und überlegt und wünscht sich dann schließlich eine Bierflasche, die nie leer wird. „Bekommst du“, freut sich Jeanny, „und dein zweiter Wunsch?“ Punk überlegt und überlegt und hat schließlich eine Eingebung: „Noch so eine Bierflasche!“

Tag 10
Tag der Anekdote. Erst lästert der gesamte Kurs samt Dozent über das Arbeitsamt, dann über die billigen Cherry-Tastaturen des Bildungsträgers. Im Anschluss entsteht der Wunsch unter den Schülern, das Dozentenbüro zu sehen. Dozent nimmt seine Webcam und zeigt seinen Rosenquarz und die Topfpflanzen gegen den Elektrosmog, die mit Reiszwecken befestigten Poster und Motti, z.B. l@cheln!, die Würstchenbude auf dem Weihnachtsmarkt, die er gern mittags aufsucht und, als Krönung, den Korb mit Plastikobst aus Brasilien. „Das sieht einfach gemütlicher aus.“, meint er allen Ernstes. Mein einziger Nah-Mitschüler und ich sehen uns über die Monitore hinweg mit großen Augen an.

Tag 9
Im Bus zur Unimensa steht ein Mann mit Karl-Lagerfeld-Frisur, Louis-Vuitton-Schal, teuerer Lederjacke und Jeans, Doc Martens und Gesichtstätowierungen, die jeden Maori vor Neid erblassen ließen. Dazu jede Menge Metall im Gesicht. Wir entscheiden uns für Russenmafia. Angeblich erwirbt man dort ja Tätowierungen durch Leistung. Unser Wissen beziehen wir aus diversen Hollywoodfilmen. Insofern ohne Gewähr. P.S. Bei der japanischen Mafia kann man Gliedmaßen durch schlechte Leistung verlieren. Aber auch das ohne Gewähr…

Tag 8
Ein Mann sitzt bei 0 Grad dick eingemummelt vor dem Galeria Kaufhof und zittert am ganzen Leib. Ich will ihm wenigstens ein heißes Getränk zukommen lassen. Auf dem ganzen Weihnachtsmarkt gibt es nur Pfandgläser für 3 €. Verdammte Ökos! Ich entscheide mich für eine Bratwurst für 1,35 € und stelle mich mit der Wurst in der Hand vor den zitternden Vermummten. Er blickt hoch und bedankt sich überrascht. Ein Deutscher, Ende 30 vielleicht. Ich gebe ihm die Wurst, lächle und verschwinde, bevor ich ihn noch einlade mitzukommen. Eine Freundin behauptete mal, man könne in Deutschland nur auf der Straße landen, wenn man das auch wolle. Ich hoffe sehr, sie hat Recht!

Tag 7
Drei Diplomingenieure und ein am zweiten Staatsexamen gescheiterter Lehrer teilen sich mit mir das Büro. Alle arbeitslos, motiviert, aber ohne viel Hoffnung auf einen Job. Viele Stellenanzeigen würde nur veröffentlicht, um den Investoren ein positives Bild vorzugaukeln, behauptet einer der Diplomingeniere. Zig Stellenanzeigen bei Siemens in Berlin und  gleichzeitig die Nachricht, dass tausende von Stellen gestrichen werden sollen. Eingestellt würde man, wenn überhaupt, nur von Zeitarbeitsfirmen für einen Bruchteil des Gehalts eines Festangestellten. Ich muss schlucken.

Tag 6
Nachdem ich genug über das teure und schlechte Essen in der Umgebung gemeckert habe (Galeria Kaufhof schafft es am „Gemüsebuffet“ nicht, tarnfarbene Fleischbestandteile auszuweisen), schlägt mir der einzige Nah-Mitschüler vor, doch mit zur Unimensa zu kommen. Dort gäbe es sogar veganes Essen. Ich bin begeistert!
Kate ist schwanger.

Tag 5
Auf meine Frage, wer sich mit Napoleons Russlandfelzug auskennt, werde ich von den Büro-Mitschülern mit Detailinfos bombardiert. Die sind offensichtlich gebildet. Ja, der eine hat sogar Geschichte auf Lehramt studiert.
Mittags gehe ich zu Soupkultur auf eine grausam ungewürzte, dünne und überteuerte Linsensuppe. Beim Rausgehen sehe ich, dass Soupkultur auch zu Sodexo gehört. Bekomme ich Verfolgungswahn?

Tag 4
Fern-Mitschülerin fragt, warum die Manuals zum Kurs so lückenhaft seien. Dozent antwortet, „damit man beim Nachbauen noch nachdenken muss.“ Ich habe vorsichtshalber minutiös mitgeschrieben, damit ich beim Nachbauen nicht verzweifeln muss.

Tag 3
Mein Lernnachbar, der böse Mann aus Rudow, erklärt mir, dass er sich bis zum Alter von 45 kaum halten konnte beim Anblick anscheinend egal welcher Frau. Er sei glücklich, dass er das jetzt hinter sich habe. Ich auch…

Tag 2
Mittagessen mit taz unterm Arm beim Berliner Verlag. Die Kantine wird von Sodexo bewirtschaftet. Haben die nicht kürzlich erst 10.000 Kinder mit dem Norovirus vergiftet? Ich lasse lieber die Finger von den Nachspeisen.

Tag 1
Ost-Block am Alex, 8. Stock, leider mit Blick zum Hinterhof. Ich mache eine 4-wöchige Fern-Weiterbildung und teile mir das Büro mit vier anderen Menschen, die teilweise andere Dinge lernen. Jeder hat zwei Bildschirme und eine Webcam-Verbindung zum Dozenten (wenn die Technik mitspielt).

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