Warten auf Weihnachten 2.1

Weihnachten 2.1: weniger Mehr

Weihnachten 2.1: weniger Mehr

O du seelige und gar nicht fröhliche, gnadenlose Weihnachtszeit, fand ich jedenfalls als Teenie. Ein typischer 24. Dezember sah bei uns ungefähr so aus: Früh aufstehen, es gibt viel zu tun! Zum Beispiel Tanne auf dem Balkon für den Ständer zurecht schneiden. Weil H. mich dazu zwang, den Stamm direkt neben der Säge zu halten, ließ ich immer los, wenn ich glaubte, dass er gleich abrutscht. Dadurch wurde er nie fertig mit Sägen und immer wütender auf Baum und mich und Säge und Weihnachten… Irgendwann war die Tanne dann doch so weit und kam in den Ständer. Dabei offenbarten sich erste Schönheitsfehler. Mutter kuckte unfroh. Der Baum wurde unter vielfachen Hinweisen auf seine unschmückbare Unvollkommenheit doch geschmückt. Der Baum kippte. Der Baum wurde wieder aufgestellt. Erste Streitgespräche der Parentalgeneration, währenddessen Mutter schon Mal die Pfütze auf dem Parkett trockenlegte. Dann wurden H. und ich des Hauses verwiesen, die restlichen Vorbereitungen waren geheim. Wir trafen uns mit H.s Bruder und dessen Tochter. Sie waren, und sind wahrscheinlich immer noch, all das, was wir nicht waren (und sind): eine traditionelle, tradtionell gut angezogene Familie und sie beherrschen Instrumente und „richtige“ Weihnachtslieder, die schon „die Alten sungen“. In der stimmungsvollen Atmosphäre von H.s Souterrain-Werkstatt verbrachten wir Stunden dabei, der ungeliebten Verwandtschaft beim Intonieren langweiliger Weihnachtslieder zuzusehen. Gelegentlich versuchten wir, Mangels Alternative, mitzusingen. Die Blicke der ehrgeizig Musizierenden würgten solche Versuche schnell wieder ab.

Irgendwann war es endlich soweit, wir durften wieder nach Hause. Auf dem Weg luden wir noch schnell Oma ins Auto. Sie war das unverzichtbar neutrale Element, bei dem alle Zuflucht fanden, die mit dem Rest der Familie weihnachtsbedingt zerstritten waren. Zuhause angekommen, war es dann doch meist zu früh. Mutter gestresst mit hochroten Kopf, der Karpfen braucht noch. Dummerweise hatten wir schon ziemlich Hunger. Die einladend herumliegenden Plätzchen waren aber verboten, man durfte sich „den Appetit ja nicht verderben!“ Irgendwann war der Karpfen dann fertig und wir saßen zu viert mit großen, hungrigen Augen um das viel zu kleine Fischlein herum. Beim gierigen Griff nach dem eigenen Anteil kippte das Rotweinglas und das festliche Weihnachtstischtuch bekam hässliche Flecken. Mutter fluchte, H. schimpfte, Oma kuckte, ich… Irgendwann war auch das überstanden, noch ein paar Weihnachtslieder aushalten (mit feierlichem Gesichtsausdruck neben dem Plattenspieler (sic!) stehend) und dann durften endlich die Geschenke ausgepackt werden. Immerhin Oma freute sich, dass alle neben ihr sitzen wollten.

Ja, und so kam es, dass ich dieses aus USA herüberschwappende, poppig bunte Weihnachten 2.0, rund um Jingle Bells und Santa Claus, Rentierschlitten, rotnasigem Rudolph und Weihnachtselfen, mit offenen Armen willkommen hieß. Weihnachten sollte fortan fröhlich sein!

Inzwischen geht mir der Coca-Cola generierte Konsumterror ziemlich auf den Keks. Auf Schritt und Tritt stolpert man über verkitschte Weihnachtsmärkte, die nur rot-weiß verbrämter Rummel sind inklusive Komasaufen, Achterbahn und dämlichen Spruch-T-Shirts. Wer ordentlich in Stimmung ist, kauft gleich viel besser.

Überhaupt – früher hatten wir noch Angst vor dem Nikolaus. Der sah auch nicht aus wie Santa Claus mit Rentierschlitten vom Nordpol, sondern wie ein Bischof (der er auch war, damals auf dem Gebiet der heutigen Türkei) mit Mitra und Bischofsstab und einem großen, goldenen Buch, in dem leider alles drin stand, was man das Jahr über so verbrochen hatte. Wenn die Negativeinträge zu lang waren, dann gab es Ärger mit seinem humorfreien Begleiter, Knecht Ruprecht. Ok, nicht alles war früher besser.
Heute verbinden die Kinder mit Nikolaus nur noch einen zusätzlichen Anlass Geschenke einzufordern, kurz nach Halloween, wo sie schon den Süßigkeitenvorrat bis zum Jahresende aufstocken konnten. Anstelle eines vor sich hinnadelnden Adventskranzes gibt es heute überladene, selbstgefüllte Adventskalender – oder gleich den von Lego Star Wars mit Darth Maul als Weihnachtsmann…

Und man komme den lieben Kinderlein heutzutage ja nicht mit als Geschenke getarnten Klamotten unterm Baum. Wir akzeptierten es damals noch, es gehörte dazu: warme Strumpfhosen, Skikleidung und von der Oma ein neues Nachthemd. Heutzutage wird Kleidung (gar nützliche…) gar nicht mehr als Weihnachtsgeschenk erkannt. Die vorwurfsvollen Augen des Kindes bohren sich tief in die blutenden, elterlichen Herzen und es fragt: „Und wo sind meine Geschenke?“. Jaja, ich hätte mich über neue Nikes gefreut. Aber hey, der nächste rotnasige Rudolph landet als Braten bei mir auf dem Tisch. Isch schwör‘ – bei meiner Ehre als Vegetarier!

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