Olivenbaum mit Märchenkenntnissen zu rituellen Zwecken entführt

Ich öffne die Tür für eine Freundin und blicke ihr freudig die Treppe hinunter entgegen. Aber irgendwas fehlt im Treppenhaus… mein Olivenbaum ist weg!Mein Olivenbaum im Winterquartier

Wer klaut denn einen Olivenbaum? Ich kann es nicht fassen und mache mich auf Spurensuche. Vielleicht dachte jemand, er sei zu verschenken? Aber es stellen doch viele ihre Balkonpflanzen zum Überwintern ins Treppenhaus. Da das letzte Mal Gießen schon ein Weilchen her ist, folge ich einer Spur aus Olivenbaumblätter die Treppe hinunter. Es ist fast so, als hätte der Baum die Spur für mich gelegt, damit ich ihn finde. Ich bin gerührt. Hänsel und Gretel…

Die Spur führt nicht zur Haustür, sondern zum Hinterhof. Es ist schon dunkel. Womöglich konnte einer der Nachbarn den zusätzlichen Schandfleck in unserem ohnehin schon recht heruntergekommenen Kreuzberger Treppenhaus nicht ertragen und hat ihn weggeworfen. Vor der Parterrewohnung im Hof steht ein Übertopf. Ist das meiner? Ich bin mir nicht sicher. Wer klaut einen Olivenbaum und lässt den Übertopf stehen? Sehr mysteriös. Ich hole mir eine Taschenlampe und inspiziere die Mülltonnen, voll Angst meinen anhänglichen Baum in Stücke gerissen in der Biotonne zu finden. Keine Spur vom Baum. Ich bin erleichtert und gehe zurück zur Spur, die sich im Hof verliert. Mit der Taschenlampe folge ich ihr zum Eingang der Parterrewohnung. Hat der Glückliche…? Die Klingel bleibt stumm, aber drinnen brennt Licht, also klopfe ich. Nichts. Ich klopfe energischer. Nichts. Ich klopfe ans Fenster. Nichts. Eine Stunde später versuche ich es nochmals. Nichts. Der Mann an meiner Seite versucht es später auch nochmal, er mochte den Olivenbaum. Nichts. Am nächsten morgen. Nichts. Ich hänge einen Brief an die Tür, in dem ich (ganz lieb, ich will schließlich keine Kurzschlussreaktionen beim Entführer provozieren) nach meinem Olivenbaum frage und um ein Gespräch bitte. Nichts.

Am frühen Nachmittag versuche ich es nochmals. Drinnen höre ich Stimmen. Und tatsächlich, die Tür geht auf und der Glückliche, ein freundlich grinsender Afrikaner mit total schiefen Zähnen und ein riesiger Mützenträger unbekannter Herkunft schauen mich fragend an. Bevor ich etwas sagen kann, gibt der Glückliche mir die Hand und wünscht mir ein gutes Neues Jahr. Ich kann gerade noch „für dich auch“ murmeln, als er schon messerscharft schließt, dass ich wohl die mit dem Brief über den Baum bin: „Kannst du wieder haben, komm rein“. Ich folge ihm durch die schlimmste Müllhalde von Wohnung, die ich seit der WG in der Münchener Dachauerstraße, in der ich mal für ein paar Monate gewohnt habe, mit dem chronischen Madenbefall in der Küche,  jemals gesehen habe.

Da steht er auf einem Hocker, geschmückt mit einer Holzkette, verschiedenen zerdrückten Getränkedosen und Saftkartons – mein Olivenbaum. „Was…?“ Der Glückliche wirft mir einen beruhigenden Blick zu und erklärt lapidar, dass er ihn als Ritualbaum gebraucht habe. „Ahhh…“. Zu mehr als einer Silbe bin ich nicht fähig. Ich hebe den Baum aus dem Eimer. Der Glückliche sagt mir noch, dass der Baum ihm Leid getan habe, er sei so trocken gewesen. Ich finde meine Sprache wieder: „Du spinnst, du hast eine totale Meise!“. Aber irgendwie kann ich ihm auch nicht böse sein. Der Mützenträger und der Afrikaner haben nichts verstanden. „My tree was held hostage!“, rufe ich ihnen zu. Sie lächeln erleichtert, bevor sich noch mehr Fragezeichen in ihren Gehirnen ausbreiten. Der Glückliche hilft mir noch Einkäufe, Baum und Übertopf hochzutragen und erzählt dabei, dass sowieso viele merkwürdige Sachen im Haus vorgingen in letzter Zeit. Zum Beispiel die Zwangsräumung (er meint das gut siuierte Rentnerpärchen, dass sich eine Wohnung im Grünen gesucht hat) und was die alles weggeworfen haben (ausrangierten Küchentrödel, alte Regale, kaputte Plastikteile, vulgo: Müll). Er habe das alles gerettet und jeder, der etwas brauche, der könne sich bedienen. Zum Schluss verabschiedet er sich freundlich und lädt mich ein, „ich sei jederzeit herzlich willkommen“.

Besten Dank. Ich überlege ihm einen Ableger meiner Birkenfeige zu schenken. Aber die sind momentan einfach noch zu zart für den Ritualschmuck…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s