Das Anthropozän tröstet auch über schlechte Schulnoten hinweg

Anthropozän im HKW

Eine der vielen Fragen zum Anthropozän, die am Ende über unser Überleben entscheiden könnte.

Das Anthropozän beschäftigt die intellektuelle Avantgarde seit einiger Zeit – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Unter Anthropozän versteht man ein neues Erdzeitalter und zwar den Zeitraum, ab dem die Menschheit irreversiblen Einfluss auf die Erde genommen hat: etwa ab 1800. Zeit wird’s! Man stelle sich nur vor, die Intelligentesten unter den Dinosauriern hätten sich mit dem Trias befasst oder mit der Kreidezeit. Dann hätten sie vielleicht überlebt, rechtzeitig etwas gegen die Klimaveränderung getan, die ihnen am Ende den Gar ausgemacht hat. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Wir Menschen, Krone der Schöpfung, tun das zum Glück. Zumindest ein paar von uns. Diese geistige Elite konstatierte, dass der Mensch schlimme und unauslöschbare Spuren auf der Erde hinterlassen hat und selbst wenn er demnächt von deren Antlitz verschwände, die Spuren, sie blieben. Nach uns kommende, intelligente Lebensformen, sei es die Außerirdischen, die uns Stephen Hawking prophezeit, oder die bevorstehende, organisierte Schwarmintelligenz maritimer Mikroorganismen, düster geschildert von Frank Schätzing, werden die Klimaveränderungen, das Artensterben, die Übernutzung von Ressourcen und die ganzen Konsequenzen daraus immer noch deutlich aus dem zerquälten Antlitz von Mutter Erde lesen können – auch in tausenden von Jahren.

Jedenfalls wird gerade scharf nachgedacht. Das Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin, Touristen auch als Schwangere Auster bekannt, versammelt, zusammen mit anderen Leuchttürmen der Wissenschaft, selbsternannte Denker wie dich und mich in regelmäßigen Abständen und bei teils freiem Eintritt und lässt sie über Fragen brüten, wie z.B. „Was bedeutet es für unser anthropozentrisches Selbstverständnis und unsere Zukunft, wenn die Natur menschengemacht ist?“ Eine Frage, an die man sich dort auch über die Wege der Kunst annäheren kann und die ich hier umständehalber – und aus Gründen der intellektuellen Ausreizungsgrenzerreichung – lieber unbeantwortet lasse. Sollte es den anderen Denkern ebenso ergehen wie mir, dann bleibt dem HKW wenigstens eine spektakuläre, neue „organische“ Eingangsinstallation.

Aber irgendwie ist es tröstlich die ganzen Nickligkeiten des Alltags unter einem Begriff wie Anthropzän zu subsumieren und sie aus dem Blickwinkel des Maritozäns (Das Zeitalter in dem die maritimen Mikroorganismen den Fressfeind Mensch ausgelöscht und die Herrschaft über die Erde übernommen haben: etwa ab 2030) mit entfernungsgetrübt unemotionalem Blick zu betrachten. Da wirken Dinge, wie schlechte Noten, unzuverlässige Freunde, ein Winterdienst, für den man zwar bezahlt, der aber nie kommt, 4-stündige Workshops mit besorgniserregend schwammiger Tagesordnung und ohne Essensverpflegung, auf einmal so unbedeutend klein. Oder ist irgendeine der Alltagssorgen einer leicht paranoiden, hart für die Gegenwart und Zukunft ihrer Familie arbeitenden und ihre Wehwehchen in die Welt hinausbloggenden Dinosauriermutter überliefert? Genau!

Advertisements

Eine Antwort zu “Das Anthropozän tröstet auch über schlechte Schulnoten hinweg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s