Sandokan, der Bachelor und ich in der Duftwolke der 90er

Der richtige Ort für Federboas: das Kumpelnest

Der richtige Ort für Federboas: das Kumpelnest

Life is a Cabaret*

What good is sitting alone In your room?
Come hear the music play.
Life is a Cabaret, old chum,
Come to the Cabaret.

Man hört in letzter Zeit wieder öfters von diesem Laden in Schöneberg, in dem ich vor 15 Jahren mal war. Und damals war er schon legendär.
Er sieht aus wie eine Kreuzung aus Partykeller und Hafenbar. Überall blinkende Lichter und die Wände beklebt mit Spiegelscherben, dazu Holzvertäfelungen, eine Bar, dekoriert mit den Trinkern in Trainingshosen aus der Nachbarschaft und einer Getränkekarte, die sich seit meinem letzten Besuch nicht geändert zu haben scheint. Der Rest ist roter Plüsch.

Put down the knitting,
The book and the broom.
It’s time for a holiday.
Life is a Cabaret, old chum
Come to the Cabaret.

Das dachte sich wohl auch die kleine, ältere Dame im Chanelkostüm, die ihre blondierten Haare zu kleinen Löckchen gedreht hat und nach zu vielen Piccolos fröhlich und beschwippst zwischen den Tänzern und Stehern herumtrippelt, die Bewegungsimpulse der Menge aufnimmt und wie eine kleine Welle vor und zurück schwappt.
Sie hat mir übrigens sehr geholfen. Sie und diese blonde Transe mit dem skandalösen Dekolleté, dem viel zu knappen Kleid und den mörderischen Stilettos. Zwischen den beiden stehend, versuche ich an Bier zu kommen. Aber der Blick des Barkeepers schafft es nicht über die Brüste der tief Dekolletierten hinaus. Ich spreche sie auf die zwei offensichtlichen Probleme an. „Silikon“, sagt sie mit tiefer Stimme, „Silikon, macht immer ein schönes Dekolleté!“ Das merke ich mir. Kurz darauf hat sie mit Hilfe der wild winkenden Chanelkostümierten den Barkeeper für mich klar gemacht und ich kriege meine Biere. Dem französischen Piloten, der sich nicht ganz sicher war, raune ich auf dem Rückweg leise „Elle est un homme…“ zu.

Come taste the wine,
Come hear the band.
Come blow a horn,
Start celebrating;
Right this way,
Your table’s waiting.

What good’s permitting
Some prophet of doom
To wipe every smile away.
Life is a Cabaret, old chum,
Come to the Cabaret!

Mit einem Bier in der Hand konnten wir uns die letzten zwei Stühle am Rand sichern. Von dort haben wir einen guten Blick auf die sonstige Kundschaft. Neben uns am Tisch ein Mann, der vor zwei Gläsern Saft sitzt und mit dem Kopf auf die Arme gelegt schläft. In den wachen Momenten versucht er das Problem mit dem kaputten Reißverschluss seiner Hose in den Griff zu kriegen. Aus Angst zu erblinden, beobachten wir lieber Jack Nickolson mit den Hexen von Eastwick, direkt rübergemacht aus den frühen 90ern. Leggings und Overknee-Stiefel zu auftoupierten, blockgesträhnten Haaren, langen, verzierten Plastikfingernägeln, großen Taschen teurer Marken und viel Schmuck und Schminke. Jack ist jetzt schon hyperaktiv. Zwischendurch rennt er auf’s Klo, verweilt dort auffällig lang und kommt noch viel aufgedrehter wieder. Zu Tarkan wird getanzt. Die Hexen umschwirren ihn wie Fliegen die Sch… Honigglas. Sie haben wohl schon bessere Zeiten erlebt. Der einen fehlt ein Schneidezahn. Das sympathische Anabolika-Opfer aus dem Ostblock macht inzwischen gute, steuerfreie Geschäfte in der Ecke. Wir erwägen, ihm beim Geld zählen zu helfen.

I used to have a girlfriend
known as Elsie,
With whom I shared
four sordid rooms in Chelsea
She wasn’t what you’d call
a blushing flower…
As a matter of fact
she rented by the hour.

Die Repräsentantinnen des Straßenstrichs um die Ecke haben jetzt Showtime und verlassen den Laden. Auch die Transe mit der pinken Perücke und dem silbernen Paillettenbikinioberteil stöckelt davon. Selbst meine blonde Freundin mit DEM Dekolleté streift ihren Kunstpelz über und schreitet entschlossen der Nacht entgegen.

The day she died the neighbors
came to snicker:
„Well, that’s what comes
from too much pills and liquor.“
But when I saw her laid out like a Queen,
She was the happiest… corpse…
I’d ever seen.

Wir sind inzwischen ein paar Biere weiter, der Laden ist brechend voll. Wir tanzen jetzt auch wie die wilden Wellen und lernen dabei Herrn I. kennen. Er verdient sein Geld mit Online-Poker. Leider denkt er nicht, dass ich das auch könnte. Mehr Vertrauen hat der Begleiter des Großindustriellen, der ausdauernd knapp hinter Frau W. steht, dem aber einfach keine geeigneten Worte über die Lippen kommen wollen. Dabei trägt sie den zu ihm passenden, gediegenen, grauen Cardigan. Der Begleiter raunt mir zu: „Du bist ein Engel!“. Damit kann ich gut leben. Inzwischen bade ich in der Duftwolke von Sandokan und seinen Freunden. Den einen identifiziert Fr. W. als leicht angespeckte Version von Jan, dem aktuellen Bachelor. Ich kann da nicht mitreden, aber Sandokan, den kenne ich!

I think of Elsie to this very day.
I remember how she’d turn to me and say:
„What good is sitting all alone in you room?
Come hear the music play.
Life is a Cabaret, old chum,
Come to the Cabaret.“

Die junge Nadine im hippen Karokleidchen hat es dem hübschen, französischen Piloten angetan. Sie ist schon so angetrunken, dass sie von ihrem vom Piloten fleißig nachgefüllten Glas Weißwein mehr verschüttet als trinkt. Der Pilot freut sich schon auf die kurzfristige gemeinsame Zukunft, da nimmt sie auf einmal ihren Mantel und geht. Der Pilot guckt betreten. Ihre Zigaretten hat sie vergessen. Ich halte ihm die Schachtel hin und sage, womöglich nicht ganz fehler- und ironiefrei, „Nadine est perdue, mais leurs cigarettes sont toujours ici.“ Das kann ihn auch nicht trösten, er ist Nichtraucher.

And as for me,
I made my mind up back in Chelsea,
When I go, I’m going like Elsie.

Während der Hübsche noch trauert, tanze ich mit dem französischen Steward (der darauf besteht auch Pilot zu sein) Merengue. Und dann noch Salsa. Der Hübsche hat inzwischen neue Pläne und fragt uns, ob wir mit in den Kitkat-Club gehen. Wir fertigen die französische Luftfahrt nach Nadine-Manier ab und kümmern uns um all unsere anderen Freunde.

Start by admitting
From cradle to tomb
It isn’t that long a stay.
Life is a Cabaret, old chum,
Only a Cabaret, old chum
And I love a Cabaret.

Als wir auf die Uhr sehen, ist es schon 3 und die Frauenquote nähert sich der in deutschen Aufsichtsräten. Zeit für den Absprung. Wir lassen uns vom nächtlichen Dauerregen zurück in unser Jahrtausend spülen. A la prochaine!

*(music by John Kander and lyrics by Fred Ebb)

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