Die Eastside Gallery – David Hasselhoff erst für, dann gegen Mauerfall

Copyright AnyMess

Spreeuferbebauungsplanung aus Sicht des Künstlers AnyMess

„Ja, wo leben die denn?!“, darf man sich fragen angesichts des Erstaunens, dass bei unseren lieben Bezirks- und Landespolitikern über den Protest gegen den Abriss der Eastside Galery herrscht. (Friedrichshain-) Kreuzberg… Gentrifizierung… Bürgerentscheid „Mediaspree versenken!“… Na, klingelt’s da? Wenn da nach jahrzehntelanger entspannter Zwischennutzung plötzlich ein Investor aufkreuzt, der auf dem Uferstreifen an der Spree, besser bekannt als Oststrand, Bar 25 und Mediaspree versenken!-Aktivisten-Tummelplatz, etwas namens Living Levels, nennen wir es ruhig 14-stöckiges Hochhaus, bauen will, exklusiv für Menschen, die sich Immobilienpreise von mehreren tausend Euro pro Quadratmeter leisten können und dafür auch noch die Eastside Galery abreißen will, ja, natürlich steht dann die halbe Stadt Kopf. Und wie die ehemalige Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer damals leicht säuerlich zum Ausgang des Bürgerbehrens „Mediaspree versenken!“ bemerkte: „… wenn man in Kreuzberg gegen etwas ist, findet man schnell 80 % Gleichgesinnte.“ „… und das ist gut so!“, antwortete der regierende Bürgermeister, leider in einem anderen Zusammenhang. Seit Erfindung des Wutbürgers sind die Kreuzberger zudem in bester Gesellschaft und die Demo-Possy rückt bis aus dem flughafenabgeneigten Speckgürtel und vom neuerdings haiverseuchten Müggelsee an.

Aber auch die Politiker haben spätestens seit Stuttgart 21 gelernt, dass es sie Kopf, Kragen und Karriere kosten kann, wenn sie die Rechnung ohne den geschätzten Wähler machen. Insofern springt Klaus Wowereit, der Bürgermeister mit dem größtmöglichen Popularitätsverlust, sofort auf den Wählerwillenszug auf und tritt vom Abriss der Eastside Gallery zurück, den seine eigene Senatsverwaltung noch veranlasst hat. Auf Immonet kann man derweil schon die ersten Wohnungen von Living Levels für 5.500 € den Quadratmeter erwerben. Dafür wird einem aber auch ein 1a-Blick auf die Eastside Gallery versprochen – und obendrein kriegt man die ebenfalls noch zu bauende, nur für Fußgänger und Radfahrer geöffnete Brommybrücke, die jetzt vielleicht doch nicht gebaut wird, weil ja auch für sie die Eastside Gallery „geöffnet“ werden müsste. Da nimmt der auf Krawall gebürstete Altanwohner, der eigentlich für den Brommybrückenbau war, aber das mit der Eastside Gallery damals irgendwie nicht mitgekriegt hat, dann halt doch den kleinen Umweg in Kauf und geht/radelt über die Schilling- oder wahlweise Oberbaumbrücke zum Ostbahnhof. Brommybrücke brauch’n wa nich!

Insgesamt könnte es aber sein, dass Wowereit und dem Lieblingsnachfolger der Berliner auf Wowereit, Finanzsenator Nussbaum (parteilos), noch größere Flexibilität abverlangt wird, denn eigentlich wollen die Friedrichshain-Kreuzberger gar kein Gebäude dort. Dummerweise sind die Grundstücke verkauft, die Bebaungspläne verabschiedet, die Bagger vor Ort und der Bazar für den Wohnungskauf im Internet ist auch schon eröffnet. Die Nachbarn vom Holzmarkt, die auf ihrem Grundstück ebenfalls Gebäude planen, darunter ein mehrstöckiges Gründerzentrum namens Eckwerk, schwitzen wahrscheinlich gerade und hoffen, dass sich der Volkszorn auf den ausgrenzenden Luxusaspekt der Living Levels beschränkt und nicht generell auf alles, was aus Beton ist. Schließlich verstehen sich Holzmarkt und Mörchenpark als Anwohner integrierende, nachhaltige Stadtentwicklungsinitiative, die sich voll im Einklang mit den Zielen des Bürgerentscheids zu Mediaspree versenken! wähnt.

David Hasselhoff, der den ganz Alten als Fahrer des Wunderautos KITT in der Serie Knight Rider, den Mittelalten als Bademeister von Malibu Beach in der Serie Baywatch und den Jüngeren als Alkoholiker mit Blasenproblemen bekannt ist, hat jetzt via Twitter verkündet: „Where do I sign? How can you tear down the wall that signifies freedom, perserverance and the sacrifice of human life…“. Schließlich lebt er immer noch gut von seinem Megahit „Looking for Freedom„, den er ausstaffiert mit einer fragwürdigen Peniskrawatte Silvester 1989 an der Berliner Mauer  zum Besten gegeben hatte. Jahrzehntelang machten ihn daraufhin Boulevardmedien für den Fall der Mauer verantwortlich. Von diesem Verdacht hat er sich noch schnell befreit, bevor er sich jetzt für deren Erhalt stark machte.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s