Bitte nicht stören: Elterntaktik in Harmonieberg

Bitte nicht stören - Elterntaktik an Kreuzberger Grundschulen

Bitte nicht stören – Elterntaktik an Kreuzberger Grundschulen

Neulich klebe ich mit dem Auge am Schlüsselloch des Klassenzimmers einer Kreuzberger Vorzeigegrundschule. Komplett ohne Attribut wie „Waldorf“ oder „evangelisch“ oder gar „frei“. Einfach Grundschule, allerdings mit glücklichem Einzugsgebiet, wie die zur Schule gehörenden Rektoren, Eltern und Lehrer behaupten, während die Neidhammel außenrum mit dem bildungsarmen Klientel, das nicht mal weiß, wo der nächste Bioladen ist, von Segregation und gar Rassismus sprechen. Die Klasse, die ich gerade durchs Schlüsselloch beim Elternabend beobachte, hat einen Elternakademikeranteil von ca. 90 %, die restlichen 10 % sind Künstler, haben alle ein abgebrochenes Psychologiestudium und kaufen immerhin Biogemüse in der kleinen, selbstverwalteten Biohandelskommune um die Ecke. Drinnen geht es gerade um die Vertretungsstunden. Im Vorgespräch ohne Lehrer haben sich die Eltern noch darauf geeinigt, nicht gleich die Namen der Lehrer zu nennen, die in den Vertretungsstunden generell eine CD einlegen und die Schüler malen lassen. Vielmehr sollte vorsichtig gefragt werden, wie denn das Briefing für die Vertretungslehrer aussehe. Schießlich geht es um mehr. Die hochgeschätzte Deutsch-, Sachunterricht- und Englischlehrerin ist schwanger und verlässt Klasse und Schule in wenigen Wochen und die Eltern haben Angst, dass die Klasse bei zu viel Kritik mit einem schlechten Ersatzlehrer abgestraft wird. Sie trauen sich also nicht schlechte Lehrer anzusprechen, weil sie Angst vor schlechten Lehrern haben. Ob diese Taktik eine Strategie hat?

Mutter X schneidet das Thema dann auch absprachegemäß diplomatisch an: „… würden gern wissen, wie denn das Briefing für die Vertretungslehrer aussieht, da ein paar davon ja regelmäßig CDs einlegen und…“. Auweia, die Miene von Fr. Hochgeschätzt verfinstert sich. Sie sei ja überhaupt erst einmal eine Woche am Stück krank gewesen, was denn die Frage überhaupt soll. Die Elternschaft erblasst, während Mutter X leicht errötet. Ihrer Erinnerung nach, „aber natürlich führe ich darüber nicht Buch“, hätte es in der Vergangenheit schon öfters mal Ausfälle und Vertretungsstunden durch besagten Herrn Schlendrian gegeben. Frau Hochgeschätzt erklärt streng, sie hinterließe bei geplanter Abwesenheit wie Fortbildung oder Exkursionen mit anderen Klassen immer Stoff für die Vertretungslehrer, könne denen aber nicht vorschreiben, diesen auch zu benutzen. Herr Mikrosoft, der nette Mathelehrer, springt ihr zur Seite und erklärt, dass man ja überhaupt meist erst morgens erfahre, dass man z.B. in der 3. Stunde Vertretung in der 6e habe. Dann wisse man ja noch lange nicht, welches Fach da dran sei. Oft würde einem die Klasse das auch gar nicht verraten! Er habe mal Französisch vertreten müssen und dabei spreche er doch gar kein Französisch… Jetzt springt Mutter Y ein:  „Wie wäre es damit, Stundenpläne im Lehrerzimmer aufzuhängen, so dass man mit einem Blick…“ Die empörten Gesichter von Frau Hochgeschätzt und Herrn Mikrosoft lassen sie mitten im Satz verstummen. Man müsse schon dankbar sein, wie gut das alles an dieser Schule organisiert sei, erklärt Herr Mikrosoft mit bebender Stimme, das sei ja nicht überall so und überhaupt habe die Klasse ein ganz hohes Niveau und es gäbe keinen Grund für Kritik. Man müsse nur mal vergleichen, wie das anderswo liefe!

Die Elternschaft beeilt sich den beiden Lehrern zu versichern wie glücklich und zufrieden man mit ihnen sei und das überhaupt alles so gut laufe und man Frau Hochgeschätzt über alle Maßen vermissen werde. Mutter X versucht nochmal das Thema Rechtschreibung anzuschneiden, während ich das Gewicht vom linken Lauschknie auf das rechte verlagere. Sie erkärt schüchtern, dass es anders als in Mathe, wo es ja nur Einsen und Zweien gäbe und damit vielleicht Vertretungslehrer tatsächlich mal eine CD einlegen können, in Deutsch durchaus Vieren und Fünfen gäbe. Dazu muss Frau Hochgeschätzt, der schon wieder die Zornesröte ins Gesicht steigt, gar nichts mehr sagen. Eltervertreter Ü befürchtet offensichtlich eine Frühgeburt, jede Menge Frauengeschrei und blutigen Schleim und rät Mutter X doch einfach mal mit ihrem Kind zuhause zu üben. Vater Ä sekundiert und erzählt die liebenswerte Anekdote von seinem süßen, blonden Töchterchen im selbstgenähten Blumenkleidchen, das ja auch mal drei oder vier Fehler im Diktat habe und dass er das dann nicht überbewerte.

Durch das Schlüsselloch kann ich sehen, wie Dampf aus den Ohren von Mutter X steigt. Zufällig weiß ich, dass sie recht regelmäßig mit ihrem Sohn Rechtschreibung übt, wenn sie nicht, wie die anderen Eltern auch, gerade damit beschäftigt ist für die Schule ein Referat über Denkmäler aus dem 18. Jahrhundert oder eine Buchvorstellung oder einen Sachunterrichtstest zur historischen Bedeutung des Bundesrats in unserer Demokratie vorzubereiten. Frau Hochgeschätzt stellt durchaus hohe Ansprüche an die Leistungsbereitschaft von Eltern und Kindern. Mutter X nährt überdies die überzogene Erwartungshaltung, dass die Schule den Bildungsauftrag habe und behauptet, die Politiker brüsteten sich mit dem Konzept der Binnenförderung, bei dem die Kinder nicht durch Schema F müssten, sondern dort abgeholt und gefördert würden, wo sie sich befänden. Die Träumerin. Das sieht sie sogar ein. Aber wenn schon keine Binnenförderung, dann doch wenigstens Unterricht! Es könne doch nicht so schwer sein, auch für einen fachfremden Lehrer, die Kinder vorlesen oder ein Diktat schreiben zu lassen. Einfach nur zur Übung….

Elternsprecher Ü wirft Mutter X einen letzten warnenden Blick zu und leitet energisch zum nächsten Tagsordnungspunkt „Unser diesjähriges Sportfest“ über. Die angstzerfressenen und harmoniesüchtigen Vogel Strauße stürzen sich begeistert auf das Thema und merken gar nicht wie tief sie ihre Köpfe im Sand vergraben haben. Meine Knie geben endgültig nach. Ich setze mich auf die Turnbeutelkiste und versuche mir den Schlüssellochabdruck aus dem Gesicht zu reiben. Wahrscheinlich bin ich auf dem Wutbürgerauge jetzt blind.

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3 Antworten zu “Bitte nicht stören: Elterntaktik in Harmonieberg

  1. Lieber Mutter X,
    so sehr fühle ich mich an unseren Friedenauer Kinderladen erinnert, wenn ich Ihre Zeilen lese…

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