Fischstäbchen aus Miethai

Umsätze der Baustoffindustrie und Mieten steigen. Nutzen für die Umwelt???

Umsätze der Baustoffindustrie und Mieten steigen. Nutzen für die Umwelt???

Erst letztes Jahr haben wir eine Mieterhöhung wegen der energieffizienten Sanierung unserer Hausfassade bekommen. Gegen die konnten wir uns auch nicht wirklich wehren. Das Gericht billigte uns 6 € weniger Mieterhöhung zu als gefordert. Und jetzt liegt schon wieder eine Mieterhöhung auf dem Tisch. Diesmal bis zur Höhe des Mietspiegels (+ 80 €). Das wird uns auch aufs Säuberlichste von der Hausverwaltung vorgerechnet. Darauf, dass die Mitspiegeleinstufung auf 60 verschieden auslegbaren Faktoren beruht, gehen sie vorsichtshalber nicht ein. Aber zum Glück ist man ja beim Mieterverein. Den hat der Rechtsanwalt empfohlen, weil er vorhersah, dass es mit dieser Hausverwaltung noch öfters Probleme geben würde und dann schmeißt einen ja die Rechtsschutzversicherung irgendwann raus. Überdies ist der Beitrag zum Mieterverein geringer als der für den Selbstbehalt der Versicherung. Und der Rechtsanwalt ist der gleiche.

Also mache ich mich gestern frohen Mutes und mit einem dicken Ordner bewaffnet auf zur Mieterberatung. Zehn Minuten vor Beratungsbeginn stehe ich vor der Tür und kriege große Augen. Der Warteraum ist voller als beim Dorfarzt meiner Großmutter selig in Oberbayern. Trotzdem es vier Anwälte zur Auswahl gibt, wollen alle zu Rechtsanwalt F. Ich natürlich auch. Der zauselige Alt-Kreuzberger mit Pferdeschwanz fragt, ob er heute überhaupt noch drankäme. Ich sehe alarmiert hoch von der Mieterzeitung, über der ich fast eingeschlafen wäre. Schließlich ist der Typ noch vor mir dran. Er erzählt, dass er schon zum dritten Mal hier sei und nie drangekommen ist. Wie jetzt? Ist nicht euer Ernst! Ich setze mich doch nicht anderthalb Stunden in ein ungemütliches Wartezimmer ohne Bergblick (siehe Dorfarzt) und komme dann nicht mal dran. Ich knurre. Der Magen von dem Typ neben mir knurrt auch.

Eine Frau in BVG-Uniform betritt das Wartezimmer. Der Pferdeschwanz quatscht sie gleich auf die neuen Kontrolettis in Uniform an. Aber die Frau hat offensichtlich keine BVG-Aktien und erzählt entspannt, dass ja sogar ihr Radiosender schon die Kontrollschwerpunkte inklusive Personenbeschreibung der Kontrolettis durchgeben würde. Die beiden unterhalten sich noch eine Weile über die Nebenwirkungen und Risiken des Schwarzfahrens, bis sie thematisch langsam zur Rechtsberatung zurückkommen. Warum eigentlich fast alle zu Rechtsanwalt F. wollen, ist die Frage. Er sei einfach der Beste, sind sich die meisten Anwesenden einig. Der Rest ist zum ersten Mal da und kuckt verunsichert. Eine meint, ihr Anwalt sei auch ganz nett. Der Pferdeschwanz entgegnet, er brauche keinen netten Anwalt, sondern einen mit einer Meinung – und zwar der gleichen Meinung wie er selbst. Darüber lacht sogar der Mietervereinsempfangsmitarbeiter. „Fünf Anwälte, fünf Meinungen“, steuert er zum Gespräch bei.

Eine Stunde Wartezeit ist schon um, der Pferdeschwanz ist jetzt dran. In einer halben Stunde ist die Sprechstunde zu Ende. Ich gebe dem Pferdeschwanz charmant verpackte mahnende Worte zur Sprechzeit mit. Er meint beruhigend, er brauche nicht lang. Ich bleibe misstrauisch, sein Mitteilungsbedürfnis scheint mir groß. Und Tatsache, der Typ labert eine Dreiviertelstunde. Ich rutsche auf meinem Stuhl herum, knirsche mit den Zähnen und richte meinen drohenden Blick auf den Mitarbeiter. Der versichert mir, dass ich auf jeden Fall noch drankäme, nur neue Leute ließen sie jetzt nicht mehr in die Sprechstunde. Ich opfere wieder etwas Zahnsubstanz.

Dann bin ich dran. Im Vorbeigehen werfe ich dem Pferdeschwanz noch einen giftigen Blick zu, den er wahrscheinlich für Anerkennung hält. Im Eiltempo kläre ich mit Rechtsanwalt F. die Mietspiegeleinstufung (wir sind jetzt schon drüber) und die Nebenwirkungen der tollen Fassadensanierung. Die Zimmer auf der sanierte Südseite sind jetzt immer schnell knallwarm und im unsanierten Rest der Wohnung ist es – dank Thermostat im Südseitenzimmer – eiskalt. Wir müssten das Thermostat auf 25 Grad stellen, wenn wir Wärme in den hinteren Räumen, z.B. im Bad haben wollten. Wo bleibt da die Energieffizienz?!? Der Hausverwaltung ist das egal. Ebenso die Tatsache, dass mit den energieffizienterweise aufgeklebten 15 cm Styropor plus 1 cm Putz unser Tisch jetzt nicht mehr auf den Balkon passt und wir nur noch wie die Hühner aufgereiht nebeneinander draußen sitzen können.

Aber der Rechtsanwalt hat Verständnis und diktiert mir ein paar knackige Sätze mit Interpunktion und Absätzen – und rät zum schnellen Handeln. Denn im September kommt der neue Mietspiegel und der sieht wohl wieder happige Steigerungen vor. Wenn die Antwort der Hausverwaltung da ist, soll ich wieder in die Sprechstunde kommen. Ich sehe melancholisch auf den Kreuzberg, denke an den Dorfarzt und nehme mir vor, mir eine Knirschschiene zuzulegen.

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7 Antworten zu “Fischstäbchen aus Miethai

      • Nein, meiner war in der Eisenbahnstraße und ist jetzt nach Treptow (!!!) gezogen. Wenn der in der Reuterstraße wirklich so toll ist, hätte ich gern den Namen. Toll definiere ich als bohrt nicht, wenn nicht irgendwie vermeidbar, ist total einfühlsam und feinmotorisch überdurchschnittlich begabt, bietet schmerzfreie Prophylaxe… Habe ich was vergessen?

      • Schmerzfreie Prophylaxe? Ist das nicht immer schmerzfrei?
        Drei Ärzte machen die Praxis zusammen. Zu empfehlen ist vor allem Jens Lehrke. Dr. Martha Kronschnabel ist auch gut. Die Dritte im Bunde finde ich nicht gut. Ich hab mir dort ein Implantat machen lassen. Super.

  1. Pingback: Wenn der Vermieteranwalt zweimal klingelt | Der Achte Tag·

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