Coachzilla für optimierte Business-Mutanten

Sinnsprüche, die sich in meiner Wohnung finden

Sinnsprüche, die sich in meiner Wohnung finden

Als Selbständige muss man am Ball bleiben. Ich informiere mich also über die neuesten Trends in der Branche, „besuche“ Webinare und sogar Weiterbildungs-veranstaltungen im echten Leben. Ich lese mich durch schlaue Branchenblogs, verfolge, was bereitwillig ihr Besserwissen Teilende auf Xing oder Facebook posten und integriere die Fakten in mein eigenes Knowhow. Ich bin sogar Mitglied und Moderatorin eines aufstrebenden Business-Networks, dessen zweite Mover und Shaker Garde sich einmal im Monat unter den motivierenden, aber strengen Augen der ersten Garde trifft. Alles gut und schön. Ich kann viel lernen. Man kann immer etwas lernen, vor allem, wenn man sich neuen Aufgaben widmet. Die werden auch gern „Herausforderungen“ genannt, weil man damit erstmal nicht klar kommt und neue Lösungen finden muss. Am Anfang ruckelt es noch etwas, aber irgendwann hat man die Herausforderung im Griff und sie ist keine mehr. Wehe dem, der in dem Zusammenhang das Wort „Problem“ in den Mund nimmt.

In meinem Business-Netzwerk gibt es eine erstaunlich hohe Zahl an Trainern und Coaches, die sich mit der Optimierung gesamter Individuen oder mit Teilaspekten dessen befassen. Manchmal schließen sie sich zu Coach-Netzwerken zusammen, um mit vereinter Kraft die Schwachstellen des Individuums aufzufüllen, auszubessern, zu flicken und – im Idealfall – eine Stärke daraus zu zimmern, mit dem Ziel ein paar tausend Euro später ein generalüberholtes, auf Hochglanz poliertes Vorzeigeobjekt von Mensch in die Welt zu entlassen. Damit sie damit erfolgreich sind, haben sie selbst Unmengen von Coachings und Trainings auf dem Tacho. Ihre Häuser hängen voll mit erbaulichen, bedeutungsvollen und motivierenden Bildern und Sinnsprüchen. Nichts bleibt dem Zufall überlassen und vor allem kein Zentimeter Wand der Tapete.
Auf dem Gäste-WC der ersten Garde lese ich, das mein Kind nur lernen kann sich selbst zu lieben, wenn es von mir bedingunslos geliebt wird und leider ein unzufriedener Mensch wird, wenn ich es kritisiere. Daneben teilt mir der Gästekloeigentümer mit, dass er „keine Zeit für Sorgen, Ängste und Furcht“ hat, weil er dafür schlicht zu glücklich, edel und noch irgendwas sei. Dann gibt es da noch einen längeren Text mit der Überschrift „Desiderata“, den ich – verzeiht mir – frühestens beim nächsten Termin lesen werde und dann war da noch was, was Kinder zum Thema „Liebe“ sagen. Ich habe es vergessen.

Der digitale Bilderrahmen im Wohnzimmermeetingbüro spult Fotos vom glücklichen Beisammensein von Menschen in gleichen T-Shirts wahrscheinlich bei einer tollen Selbsterfahrung ab. Und überhaupt fällt mir gleich die niedrige Niedrigenergiehausdecke auf den Kopf, die Aldi-Miniwindbeutel passen nicht in mein Ernährungsschema und ich will auch nicht mehr die uralte IBM-Studie zum Erfolgsfaktor Bekanntheitsgrad hören oder selbst zitieren müssen. Aber da bleibt die erste Garde hart. Schließlich gäbe es Werbebotschaften, die sich schon seit 20 Jahren erfolgreich hielten, Beispiel Nimm 2: „Wenn du deine Kinder liebst und deine Kinder lieben Nimm 2, dann gib ihnen Nimm 2!“
Ich gebe meinem Kind übrigens kein Nimm 2. Bestätigt wurde ich in dieser Überzeugung bei einem Webinar, das die Nimm 2 Werbung als besonders erfolgreiches Beispiel für Verkaufshypnose entlarvte. Am Ende solcher Webinare sollen die Teilnehmer dann in der Regel teure, aber „jetzt nur für Sie und nur heute bis Mitternacht“ preisreduzierte Seminare buchen. Ich wäre doch blöd, fiele ich auf die gerade erlernte Verkaufsstrategie anderer herein, denke ich mir dann und lehne stur und um zu zeigen, dass ich etwas gelernt habe, auch Angebote ab, bei denen man mich schon fast für die Teilnahme bezahlen will.

Die erste Garde hat offensichtlich das gleiche Webinar besucht oder womöglich sogar das 3-Tagesseminar für rund 1.600 € und ist mir leider weit voraus in Sachen Durchsetzung, erfolgreiches Verkaufen, Verkaufshypnose und Überzeugen durch natürliche Autorität/Charme/Charisma oder schlicht Lautstärke. Ich werde als renitenter Einzelfall abgestempelt. Der Rest der zweiten Garde ist pro Nimm 2 und die IBM-Studie muss weiter zitiert werden. Ich kann noch viel lernen…

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