Als ich mal so richtig günstig einkaufen wollte

Die Ärzte am 10.8.2013 in Berlin, Tempelhofer Feld

„Was soll’n die Nachbarn sagen?“ Die Ärzte von der Gratiswiese aus belauscht

Ich bin eine von diesen Überzeugungstäter-Gutmenschen-Bioladenkäuferinnen. Warum? Weil es gut ist für die Umwelt, für die Bauern, für die Zukunft, für die Menschen, für den Mutterboden, besser für die Tiere, meist fairer für die Rohstofferzeuger – und schlechter für Monsanto & Co. Aber neulich, da konnte ich nicht widerstehen.

Frisch zurückgekehrt aus dem Urlaub, in dem es keinerlei Bioprodukte gab und wo wir unglaubliche Mengen für total wenig Geld eingekauft haben (im Vergleich zum heimischen Bioladen), beschloss ich dem Markt am Maybachufer mal wieder einen Besuch abzustatten. Nur mal kucken – und Maniok kaufen. Frittierte Maniokstücke sind seit dem Urlaub das neue Familienlieblingsessen…

Freundin C., Expertin auf dem Gebiet der günstigen, aber hochwertigen Lebensmittelbeschaffung, erläuterte mir das unglaubliche Angebot: Grüner Spargel für 1 €? Der ist schon total vertrocknet. Das Kilo Artischocken für 4 €? Die sind komplett überreif. Käsecreme vom Türken? War am letzten Stand 10 Cent billiger. Bei den konkurrenzlosen, frittierten Kochbananen fand sie Preis (1,50 €) und Leistung (lecker!) im Einklang.

Wir tranken noch einen Kaffee in der Ankerklause, verabschiedeten uns und ich schlich mich heimlich zurück auf den Markt. Der Stand „Der Grieche“ hatte mich nicht mehr losgelassen (obwohl die Bench-Mark-Käsecreme dort 10 Cent teurer war…). Griechische Vorspeisen so weit das Auge reicht. Muscheln, Tintenfische, Garnelen, Cremes aller Art, Oliven, getrocknete Tomaten… Ich beschloss kurzfristig den Plan für’s Abendessen zu ändern und setzte die große griechische Vorspeisenplatte auf die Speisekarte.

Als ich vor dem Stand wartete, bis ich an der Reihe war, kam gerade der Vater des „Griechen“ selbst vom Einkaufen zurück und drückte mir eine Khaki in die Hand. Ich freute mich und meine Kauflaune stieg. Dann war ich dran: Muscheln, Tintenfischringe, Tintenfischstreifen, Garnelen… „War’s das?“

„Nein, ich hätte gern noch diese Creme. Ist das Humus?“

„Nein, das ist Thunfisch. Hier probier mal.“

Und schon hatte ich ein Stück Baguette mit leckerster Thunfischcreme in der Hand. „Die nehme ich auch!“

„War’s das?“

„Nein, ich hätte gern noch Taramas.“

„War’s das?“

„Nein, ich hätte noch gern Tsatsiki.“

„War’s das?“

„Noch ein paar getrocknete Tomaten, bitte.“

„War’s das?“

„Ja, ich glaube schon.“

„Trinkst du Wein?“

„Eigentlich nicht…“

„Hier, schenke ich dir.“ Und schon hatte ich eine halbe Flasche französischen (?) Rotwein in der Tüte. Auf die Thunfischcreme kamen (nach dem Wiegen) noch ein paar Riesenkapern. Das Tsatsiki wurde mit Oliven verziert und so weiter und so fort.

Das Verpacken musste Papa übernehmen, während Sohn sich schon um den nächsten Kunden kümmerte, nicht ohne mir noch ein paar schmelzende Blicke zuzuwerfen und mir zu versichern, dass ich mir keinerlei Sorgen um meine Figur machen müsse, die sei „toll“!

An der Stelle wäre ich eigentlich bereit gewesen, den Rest des Ladens auch noch zu kaufen. Brauchte ich aber nicht. Denn Papa schüttelte den Kopf, als er die Mengen sah und füllte mir noch zwei weitere Cremes gratis ab. Eine ordentlich scharfe Käsecreme und noch etwas mit Nüssen. Vorher musste ich natürlich probieren.

24,50 € hat mich der Spaß gekostet. Dafür schleppte ich auch zwei Tüten mit ca. 12 Vorspeisen davon. Bitte erzählt das nicht Freundin C.!

Zum Ausgleich kaufte ich noch eine Melone und eine Lage Bergpfirsiche für unglaublich billige 1,40 €. Und natürlich den Maniok. Mit zwei vollen Fahrradtaschen machte ich mich dann auf den Heimweg. Die Vorspeisen reichten sogar für zwei Abendessen und dann war immer noch etwas übrig…

Am Sonntag waren wir dann auf dem Tempelhofer Feld und vernahmen in den frühen Abendstunden musikartigen Lärm. Die Ärzte (bzw. die Vorgruppe)!

Wir näherten uns dem Zaun, um mal zu kucken, wie gut das Konzert abgeschirmt ist. Gar nicht! Sicht auf die Bühne wie von den hinteren Reihen, dafür große Leinwände und extra Boxen Richtung Gratiswiese. Wir grinsten begeistert, legten uns auf’s Tempelhofer Feld zu den anderen Gratishörern und schickten den MamS (Mann an meiner Seite) nach Hause, Picknickdecke, Jacken und Fressalien beschaffen. Das dauerte tatsächlich die ganze zweite Vorgruppe lang. Labrasbanda aus Bayern buhlte inzwischen eifrig um die Ärztefans.

Und dann kamen endlich die Ärzte – und zwei befreundete Nachbarn, die freundlicherweise ihre wesentlich besser organisierten Essensvorräte mit uns teilten. Großartig, einfach so im Sonnenuntergang auf der Wiese zu liegen, das Konzert zu hören, auf den Leinwänden die beste Band der Welt (Eigen-PR) und barbusige Fan-Frauen zu sehen, daneben ein bisschen mit den Freunden plaudern… Zwischendurch grüßten die Ärzte auch noch freundlich die Umsonsthörer und fragten – ganz aufmerksame Gastgeber – ob „mit dem Ton auch alles in Ordnung“ sei? Was wir euphorisch bestätigten. Das „richtige“ Publikum erklärte sich inzwischen einverstanden damit, Bela B.s Vermögen zu erben und davon Farin Urlaub als Sexsklaven zu kaufen… Das Kind kuckte an dieser Stelle irritiert. Einige der Worte hatte es noch nie gehört. Auch, warum so ein Gewese um die barbusigen Frauen auf der Leinwand gemacht wird, hat es nicht verstanden. In ein paar Jahren dann…

Das einzige, was uns jetzt zu unserem Glück noch fehlte , war unser Familiensong „Junge“. Ich weigerte mich das Feld zu räumen, ohne ihn gehört zu haben. Er kam dann tatsächlich noch als dritte Zugabe. Und es hat sich gelohnt! „Junge, warum hast du nichts gelernt? Kuck dir den Dieter an, der hat sogar ein Auto!… Und wie du wieder aussiehst, mit Löchern in der Hose und ständig dieser Lärm!… Was soll’n die Nachbarn sagen?… Willst du denn, dass wir sterb’n?“ Die Basis für alle unsere fruchtlosen Erziehungsbemühungen!

Mit „Der Himmel ist blau“ im Ohr traten wir seelig lächelnd den Heimweg an. Das Kind war am nächsten Tag ziemlich müde – aber ich sage ja immer: „Wer am Abend feiern will, muss am nächsten Tag auch arbeiten können“. Und im Geiste verrechnete ich meine griechische Einkaufsorgie mit dem Ärztekonzert. Bilanz überaus positiv!

Danke liebe Ärzte!!!

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